1. Liebt Eure Feinde

    Christian Schefe, Superintendent, Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg

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    Ich trete ein und setze mich unter sein Kreuz. Ich neige den Kopf und schließe die Augen. "Liebt Eure Feinde!" "Das kann doch nicht wahr sein! Was für eine Zumutung. Wie soll ich jemanden lieben, der zerstört und tötet? Wie soll ich jemanden lieben, der auch uns bedroht und Angst macht? - Immerhin redest Du Klartext. Du nennst den Feind auch einen Feind. Wir müssen jetzt wissen, auf welcher Seite wir stehen." "Liebt Eure Feinde!" "Kannst Du mich damit jetzt nicht in Ruhe lassen? Es ist doch schon schwer genug, ohnmächtig zuzusehen, wie andere leiden. Wir müssen jetzt tun, was wir können. Helfen und unterstützen. Weißt Du eigentlich, wie schwer es ist, es plötzlich richtig zu finden, dass auch unser Land Waffen liefert, und sich zu fragen, warum wir nicht noch mehr tun? Weißt Du eigentlich, was Du verlangst?" Ich hebe den Kopf und blicke nach oben. Und da sehe ich ihn: den Gekreuzigten. Nach einem Augenblick schließe ich die Augen. "Liebt Eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!" "Heute weiß ich, wer der Feind ist. Aber kenne ich ihn wirklich? Unverständlich und mir ganz fremd. Vielleicht fühlt er sich auch bedroht und hat Angst? Vor uns? Der Feind unseres Feindes, das sind wir." "Liebt Eure Feinde!" "Ich spreche mit Dir, weil ich nach Antworten suche. Ich bete, dass Du mir die Weisheit und die Kraft gibst, den Weg zu gehen, der am wenigsten falsch ist. Ich höre Dir zu, auch wenn Du mich an Grenzen führst, weil ich ein Mensch bleiben möchte. Amen." Ich öffne die Augen und schaue noch einmal auf sein Kreuz. Ich nicke ihm zu. Dann stehe ich auf und gehe hinaus.

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