1. Kritik an Reinigungsleistung: "Wir klären das!"

    Betriebsleiterin Grit Seemann und Stadtwerke-Geschäftsführer Jürgen Peterson stellen sich den Fragen des SW

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    RINTELN (ste). Ratsherr Anthony Lee (CDU) hatte auf der letzten Ratssitzung bei der Abstimmung über die Resolution gegen die Einleitung von salzhaltigen Abwässern der Firma "K&S" in die Weser zwar für die ablehnende Haltung der Stadt in gestimmt, dafür aber auch einen kleinen Seitenhieb auf die Abwässer der stadteigenen Kläranlage verteilt. Seine Kritik: Die Anlage säubere beispielsweise bei Stickstoff die Abwässer nur zu etwas mehr als 75 Prozent und man solle nicht immer nur auf andere zeigen, sondern auch vor der eigenen Tür die Hausaufgaben machen. Seine persönliche Motivation als Landwirt zu dieser Kritik: Besonders die Landwirtschaft wird für Nährstoffeintrag ins Grundwasser verantwortlich gemacht und er sieht auch die städtischen Kläranlagen in der Verantwortung, den Nährstoffeintrag in die Gewässer zu verringern. Mittlerweile hat sich auch die Rintelner CDU dem Thema angenommen und fragt bei der Stadtverwaltung nach, wie man Schmutzeinleitungen in die Weser reduzieren könne. Das SW fragte nach bei der Technischen Betriebsleiterin des Klärwerks Rinteln, Grit Seemann, und beim Geschäftsführer der Stadtwerke, Jürgen Peterson, was es auf sich hat mit der Kritik. Ist sie berechtigt? Klärt die Anlage weniger, als es die gesetzlichen Vorgaben verlangen? Was ist mit der Rückgewinnung des dringend benötigten Rohstoffes Phosphor aus dem Abwasser? Gibt es Probleme mit Medikamentenrückständen, mit Mikroplastik oder multiresistenten Keimen im Abwasser? Was können die Menschen in der Stadt machen, um das Abwasser von der Verursacherseite her noch sauberer zu machen und wie ist die Anlage energetisch aufgestellt? Grundsätzliches 
zur Anlage Die Rintelner Kläranlage ist für weit mehr als die angeschlossenen Haushalte mit ihren etwa 30.000 Menschen ausgelegt. Mitte der 1960er Jahre war sie noch für 30.000 Einwohnergleichwerte (EWG) gebaut worden. Der EWG dient als Referenzwert für die Schmutzfracht, mit der eine Kläranlage rechnen muss. Mitte der 1980er Jahre wurde die Anlage ausgebaut für einen EWG von 80.000. Die Gründe: "Damals gab es noch einen Schlachthof in Rinteln und natürlich musste die Anlage auch mit den Abwässern der Firma riha WeserGold fertig werden", so Jürgen Peterson. Derzeit wird die Anlage auf einem Wert von 66.000 EWG gefahren und WeserGold klärt eigene Abwässer vor, bevor sie über die Kläranlage geleite und endgereinigt werden. Heute, so Grit Seemann, freuten sich die Bakterien schon, wenn sie mal etwas mehr zu futtern bekommen, denn ohne Schmutzfracht im Wasser verhungern die Bakterienstämme. Bis zu 9.000 Kubikmeter Schmutzwasser muss die Anlage täglich verarbeiten, plus den Klärschlamm aus den noch vorhandenen Kleinkläranlagen in Friedrichswald und Goldbeck. In Hohenrode und Möllenbeck sind die Anlagen schon seit Jahren stillgelegt und in Möllenbeck dient das Rundbecken noch im Notfall für eine Zwischenlagerung problematischer Abwässer bei Störfällen. Gereinigt wird in drei Reinigungsstufen. Mechanisch wird das Wasser vorgereinigt mit Rechen, Sandfang und Vorklärbecken. Dann kommt es in die biologische Reinigungsstufe, in der es auch eine biologische Phosphoreliminierung und eine Denitrifikationsstufe gibt. Was bis dahin an Phosphat und Stickstoff noch nicht herausgereinigt ist, wird zu einem großen Prozentsatz mit chemischen Fällungsmitteln aus dem Abwasser geholt. Dann wird das gereinigte Abwasser in die Weser eingeleitet: "Mit streng festgelegten Grenzwerten für viele Parameter", so Seemann. Beprobung auf Einhaltung
 der Werte 24 Mal pro Jahr wird die Anlage durch den aufsichtsführenden Landkreis Schaumburg beprobt. Darüber hinaus findet eine Eigenbeprobung je nach Parameter der Stoffe im eigenen Labor statt. Das Prozessleitsystem der Kläranlage arbeitet mit Sensoren, die ganz aktuell die Abwasserströme analysieren und online kann gesteuert werden, ob beispielsweise mehr Sauerstoff in die Becken gelangen muss, mehr Wärme oder einfacher gesagt: "Wir wissen eigentlich immer, was unseren Bakterien aktuell fehlt und steuern nach", so Grit Seemann. Auf konkrete Werte angesprochen: "Beim Stickstoffzulauf haben wir bis zu 30 Milligramm pro Liter Abwasser und reinigen das herunter bis auf 5 bis 10 Milligramm im Auslauf", so Seemann. Der gesetzliche Grenzwert liege bei 18 Milligramm und in der Kläranlage hat man sich selbst 14 Milligramm als Grenze auferlegt. Beim Phosphat ist die Reinigungsleistung von eingangs 10 bis 20 Milligramm auf 0,5 bis 1 Milligramm im Auslauf. Die von Anthony Lee zitierten 76 Prozent Reinigungsleistung bei Stickstoff seien ein Wert aus dem Jahr 2017 und zurückzuführen auf eine relativ geringe Schmutzfracht im Einlauf, die zwar prozentual weniger gut gereinigt werden konnte, dafür waren die Werte im Auslauf allerdings immer noch weitaus geringer, als es das Gesetz erfordere. Bakterien liebten nun einmal das "dickere Wasser" und das mache sich auch bemerkbar in der Reinigungswirkung: "Allerdings gilt das immer unter Einhaltung unserer Grenzwerte", betont Seemann. Am Ende zählt auch hier: "Was kommt hinten raus!" Was passiert mit
 dem Klärschlamm? Klärschlamm wird derzeit nach der Trocknung in Kooperation mit einem Landwirt auf landwirtschaftliche Flächen als organischer Dünger aufgebracht. Der Rintelner Klärschlamm ist entsprechend zertifiziert und die Landwirtschaftskammer Niedersachsen/Hannover überwacht die Vorgänge mit entsprechender Beprobung. Die AWS erstellt allerdings zurzeit ein Konzept zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm über den Weg der Verbrennung. Bis zu 15 Tonnen Phosphor könnten so aus dem Rintelner Klärschlamm pro Jahr rückgewonnen werden: "Zu wenig, um wirtschaftlich eine eigene Anlage zu betreiben", so Seemann. Bis 2023 muss das Konzept der AWS stehen und Jürgen Peterson unterstreicht: "Wir haben ein großes Interesse an einem tragfähigen Konzept der AWS in dieser Angelegenheit!" Auch andere Unternehmen, wie beispielsweise der Abfallentsorger Veolia, arbeiten an solchen Rückgewinnungskonzepten. Ursprünglich hatte sich der Betriebsausschuss des Abwasserbetriebes für eine Kooperation mit Westfalen-Weser bei der Rückgewinnung ausgesprochen. Das Projekt wurde jedoch eingestellt. Bis 2032 darf die Kläranlage Rinteln noch ihre bodenbezogene Verwertung von Klärschlamm fahren, danach ist endgültig Schluss damit und der im Klärschlamm erhaltene Phosphor muss zurückgewonnen werden. Was ist mit der 
4. Reinigungsstufe? Die sogenannte "4. Reinigungsstufe" in Kläranlagen soll unter anderem Medikamentenrückstände aus dem Abwasser herausfiltern. In Rinteln gibt es derzeit eine solche Reinigungsstufe nicht: "Muss es auch nicht", betont Grit Seemann, da beispielsweise kein Krankenhaus an die Anlage angeschlossen sei. Rinteln sei dabei im ständigen Austausch mit dem Landkreis und halte die vorgeschriebenen Abwasserwerte mehr als ein. Auch Mikroplastik wird derzeit noch nicht aus dem Abwasser gefiltert. Entsprechende Filter sind derzeit in einigen deutschen Anlagen in Beprobung. Hier sind sich Peterson und Seemann allerdings einig, dass man auch als Verbraucher ein Stück weit darauf achten könne, für welche Produkte man sich entscheide. Denn wo kein Mikroplastik eingeleitet werde, müsse man es auch nicht herausfiltern. Auch feuchtes Toilettenpapier habe an manchen Pumpstationen schon für Defekte gesorgt. Beprobt werden Medikamentenrückstände und Mikroplastik im Ablauf in die Weser allerdings nicht. Zur Frage der multiresistenten Keime gelte es insbesondere die Arbeitssicherheit für die Mitarbeiter im Auge zu haben. Die werden besonders geimpft und geschult. In Energiefragen 
ganz weit vorne Energetisch ist die Rintelner Kläranlage ganz weit vorne. Während andere Kläranlagenbetreiber erst heute ins Grübeln kommen, Energie aus Klärgasen zu gewinnen, macht Rinteln das schon lange. Im letzten Jahr waren es 220.000 Kubikmeter Klärgas, die brachten 479.000 kw/h Strom im Blockheizkraftwerk plus Abwärme für die Klärprozesse. Derzeit wird auf dem Dach des Klärschlammlagers eine große Photovoltaikanlage gebaut für 110.000 kw/h: "Rinteln ist da, wo andere erst einmal hinwollen", schaut Jürgen Peterson nicht ohne Stolz auf die Kläranlage und sieht die Kritik an der Reinigungsleistung der Anlage als nicht begründet an. Foto: ste/privat

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an