1. Null Toleranz? Ich habe Rechte...

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    Null Toleranz? Ich habe Rechte! Die Gültigkeit dieser Aussage ist die Nagelprobe unserer demokratischen Grundordnung - und gleichzeitig eine der großen Errungenschaften unseres Rechtsstaates. Ich muss mich darauf verlassen können, dass alle Menschen in unserem Land vor dem Gesetz gleich sind und alle im Rahmen dieser Gesetze und Ordnungen gleichermaßen Gerechtigkeit erfahren. Die Einhaltung dieser Grundrechte ist von größter Bedeutung und muss streng überwacht werden - vom Staat und von uns allen. Ich habe Rechte! Gerade die jüngste Vergangenheit zeigt aber auch, dass dieser Satz oft ganz anders interpretiert wird. Die eigene Definition von Recht und Gerechtigkeit wird dann zum Maßstab. Dann gilt: Hauptsache, ich komme nicht zu kurz, egal ob es Konflikte mit anderen gibt, die dann darunter leiden. Um solche Formen von täglicher Selbstjustiz zu vermeiden, bitten wir um Rücksichtnahme und Toleranz. Aber leider scheinen Appelle oft keinen Erfolg zu haben. Dem Egoismus sind häufig keine Grenzen gesetzt - auch im Erfinden immer neuer Ausreden für persönliche Ausnahmeregelungen. Deshalb jetzt ein neuer Anlauf zu einer "Null-Toleranz-Strategie": Raser und Drängler auf unseren Autobahnen werden strenger bestraft, für Reklamieren, Schauspielerei und Rudelbildung gibt es in der Fußball-Bundesliga ab sofort die gelbe Karte. Und unsere Kreisverwaltung beruft eine Krisenkonferenz zur Lösung der Busproblematik ein - nicht nur wegen der Beförderungsengpässe, sondern auch wegen der "kriegsähnlichen Zustände", die durch Schubsen und Drangsalieren verursacht werden. Die für mich wichtigste Begründung für die "Null-Toleranz-Strategie": Wir alle sind als Vorbilder gefragt, denn wenn jeder nur seine eigene Gerechtigkeit und seinen Vorteil im Kopf hat, brauchen wir bald noch strengere "Null-Toleranz-Gesetze"! Ich wünsche mir, dass Rücksichtnahme und Toleranz wieder stärker eingeübt werden, um gesetzliche Regelungen an dieser Stelle überflüssig zu machen. Damit das klappt, brauchen wir aber auch eine stärkere innere Gewissheit, nicht immer zu kurz zu kommen. Die Bibel kennt so eine Strategie und nennt sie "Barmherzigkeit". Dahinter steht die Möglichkeit der Toleranz, weil ich selbst tolerant und liebevoll behandelt werde, obwohl ich es eigentlich gar nicht verdient habe. Dann könnte ich vielleicht mit dem neuen Wochenspruch auch sagen: "Ich vertraue nicht auf meine eigene Gerechtigkeit, sondern auf Gottes große Barmherzigkeit". Ich glaube, dann bräuchten wir weniger "Null-Toleranz-Grenzen"! Lutz Gräber, (Luhden) , Theologischer Referent im Landeskirchenamt in Bückeburg

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