1. Apothekenmangel bald ein Thema?

    Jürgen Uebel sagt Ja: Seine Kur-Apotheke schließt heute mangels Nachfolge

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    BAD NENNDORF (jl). Nach fast 232 Jahren wird sie heute zum letzten Mal ihre Türen öffnen, die Kur-Apotheke in Bad Nenndorf. Was nur wenige wissen: Allein 99 Jahre davon war sie im Besitz einer einzigen Familie. Jürgen Uebel, der heutige Inhaber, führte sie in der dritten Generation 26 Jahre lang, konnte aber keinen Nachfolger finden. Im Gespräch mit dem Schaumburger Wochenblatt verrät er, warum sich der ländliche Raum nicht nur auf einen Ärzte-, sondern auch auf einen Apothekenmangel einstellen muss. In einem Rundschreiben informierte der 63-Jährige seine Stammkunden, dass er aus gesundheitlichen und betriebswirtschaftlichen Gründen die Apotheke zum 30. April schließen wird. Denn einen Nachfolger konnte er nicht finden - trotz monatelanger intensiver Bemühungen. Seine Erkenntnis: Noch laufe es zwar gut, die perspektivische Fortführung des Betriebs aber sei "betriebswirtschaftlich nicht aussichtsreich genug". Zu stark hätten sich das Gesundheitssystem und die Apothekenlandschaft in den vergangenen zehn Jahren verändert. "Früher waren wir Gesundheitsleute und nebenbei Kaufleute - heute ist es genau umgekehrt", bedauert Uebel. Die Schuld sieht er vor allem in der überzogenen Sparpolitik der Krankenkassen. "Die hat uns dermaßen die Daumenschrauben angelegt, dass es nur noch über Masse von freiverkäuflichen Produkten und Rezepten funktioniert", findet der Apotheker deutliche Worte. Die Sparmentalität habe nicht zuletzt auch dazu geführt, dass nur noch wenige Arzneimittelhersteller in Deutschland oder sogar Europa produzieren. Andere Arbeitsbedingungen und -vorschriften seien das eine, die Verfügbarkeiten das andere Problem. "Wir müssen uns zum Teil die Finger wund telefonieren, um an bestimmte Medikamente zu kommen", seufzt der Apotheker. Ein Zustand, den ein industrialisiertes und reiches Land wie Deutschland nicht nötig habe. Gleichzeitig seien die Auflagen permanent gestiegen. Aufbewahrung von Arzneimitteln, Herstellung von Rezepturen, Dokumentation: "Das kostet alles eine Menge Geld." Geld, das Versandapotheken einsparen und durch günstigere Artikelpreise an ihre Kunden weitergeben können. Aber nicht nur die Online-Konkurrenz macht den Apotheken vor Ort zu schaffen. Sie spüren wie andere Branchen auch zunehmend den Fachkräftemangel - auch ein Grund, warum der fünfköpfige Mitarbeiterstamm der Kur-Apotheke ausnahmslos eine Anschlussbeschäftigung in der Umgebung finden konnte. Frequenzbringende Standorte in Einkaufszentren und Ärztehäusern in großen Städten seien davon weniger betroffen als Apotheken im ländlichen Raum, weiß Uebel. Denn als angestellter Apotheker in der Landeshaupt übertariflich gut zu verdienen, sei schließlich weitaus attraktiver, als das Risiko der Selbstständigkeit und die Bürde der Überbürokratisierung auf sich zu nehmen. Die Folge: Der Anreiz für eine Apothekenübernahme gerade auf dem Land gehe verloren. Allein seit vergangenem Dezember mussten Uebel zufolge - neben seiner eigenen - zwei weitere Apotheken in Bückeburg und Obernkirchen mangels Nachfolge schließen. Der 63-Jährige geht davon aus, dass weitere folgen werden und ist überzeugt: "Das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben." Dadurch würde sich für die Kollegen der Notdienstrhythmus und für die Patienten durch größere Gebiete die Entfernung ändern. Die gewohnte Struktur bröckle und es fehle ein Ersatzmodell, sodass bald auch der Apothekenmangel ein Thema sein werde, befürchtet der Pharmazeut. Lösungen für dieses strukturelle Problem zu finden, sei Aufgabe der Gesundheitspolitik - denn Krankenkassen agierten in keinem luftleeren Raum. Und letztlich sei es auch eine gesellschaftliche Aufgabe, sich zu fragen: Welche Art von Pharmazie wollen wir? Telepharmazie? Oder die Beratung und den Kontakt mit bekannten Gesichtern vor Ort? Foto: jl

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