1. Es soll "eine Schule für alle" sein

    Einblicke in die erste IGS in Schaumburg / Gemeinschaft statt Elite? / Miteinander und voneinander lernen

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    STADTHAGEN (wa). Vor 27 Jahren hatte Roswitha Blume eine Vision: Ihre Tochter sollte eine Schule besuchen, die ihre individuellen Talente und Neigungen fördert, herausfordert und begleitet. Außerdem sollte das soziale Miteinander von Menschen im Fokus stehen. Solch eine Schule gab es zu diesem Zeitpunkt im Landkreis Schaumburg allerdings noch nicht. Deshalb fanden sich damals Eltern, Förderer und Pädagogen zusammen, die gemeinsam die Idee einer Integrierten Gesamtschule (IGS) verwirklichten. Und so wurde 1991 die erste IGS in Schaumburg gegründet. "Im Grunde genommen haben wir damals angefangen wie jetzt der Verein für Lebendiges Lernen", sagt Roswitha Blume im Hinblick auf die Eltern-Initiative der "Freien Schule Schaumburg" (das Schaumburger Wochenblatt berichtete). Was 1968 begann, wird heute 50 Jahre später erneut zu einem großen Thema in der deutschen Bildungslandschaft. Die Kluft zwischen "arm" und "reich", Rassismus, Konkurrenzkampf und rücksichtslosem Wettbewerbsdenken in Politik, Wirtschaft und Industrie nimmt zu. Viele Eltern suchen nun nach Schul-Alternativen, um diese in den letzten Jahrzehnten geschaffenen Grenzen innerhalb des sozialen Miteinanders Schritt für Schritt wieder aufzulösen. Die Integrierten Gesamtschulen gehören in diesem Sinne zu den Vorreitern. So kümmert sich die IGS Schaumburg als "Eine Schule für Alle" seit ihren Anfängen um die gemeinsame Schulung von Kindern mit allen möglichen Grundschulempfehlungen, mit Bedarfen an "sonderpädagogischer Unterstützung" und sogenannte Hochbegabte. Ziel ist es, dass jeder Schüler seinen bestmöglichen Abschluss macht. Erreicht wird dies unter anderem durch einen strukturierten Prozess, bei dem die Kinder miteinander und voneinander lernen, jeder bringt sein Können ein und alle tragen die Verantwortung für das Gruppenergebnis. Im fächerübergreifenden Projektlernen (Jahrgang 5,6 und 7) lernt jedes Kind das selbstgesteuerte, eigenverantwortliche Lernen und die Teamarbeit. Kooperative Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt auf individuellen Neigungen, Methodenvielfalt und kompetenzbezogenes Arbeiten sind weiterhin die Grundpfeiler der IGS. Gesamtschulen sehen sich als Schule der Menschlichkeit: Jeder Schüler wird vorbehaltlos angenommen, wie er ist. Die Konfliktfähigkeit jedes Menschen wird somit in einem vertrauensvollen Umfeld gefördert beziehungsweise erarbeitet und öffnet den Blick für Courage und Toleranz. Die Kinder sitzen in Tischgruppen und werden von einem Lehrerteam (Mann und Frau), meistens gleichbleibend von Klasse 5 bis 10 betreut. Für Schüler mit ausgeprägter Begabung wurde in Stadthagen die Pfiffikus-AG gegründet. Die Schüler bekommen dort die Möglichkeit, eigene Themen selbstständig zu erarbeiten und sie anschließend auf vielfältige Art vor unterschiedlichen Gruppen zu präsentieren. Sitzenbleiben gibt es in IGSen nicht. Notenzeugnisse, die schwarz auf weiß ein "gut" oder "schlecht" attestieren und damit eine Separation zwischen den einzelnen Schülern provozieren, gibt es erst ab dem neunten Jahrgang. Im Laufe eines Schuljahres erhalten Schüler und Eltern in den Jahrgängen 5 bis 8 pro Jahr vier schriftliche Dokumentationen der individuellen Lernentwicklung. Die IGS ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort. Deshalb sind auch umweltschützende Themen im Alltag integriert. So gibt es beispielsweise Frühstück in der Biobude (organisiert von Eltern) sowie ein schulinterner Bio-Garten. Übrigens: Die IGS Schaumburg ist vierzügig und führt die Jahrgänge 5 - 10 in der Sekundarstufe I und eine gymnasiale Oberstufe (Jg. 11 bis 13). Derzeit gibt es 1.150 Schüler und über 100 Lehrkräfte und Mitarbeiter. "Kinder lernen weder in der Überforderung noch in der Unterforderung", sagt IGS Schaumburg-Schulleiterin Astrid Budwach. Systemisch gesehen sei die selektive Beschulung ein großer Fehler. "Nur wenn sich Menschen ganzheitlich gesehen fühlen, ist erfolgreiches Arbeiten möglich", sagt sie. Gesellschaftliche Probleme sind eine Auswirkung der Kategorisierung von Menschen durch andere Menschen. "Wenn wir Verlierer erzeugen, sind Aggressivität und Ablehnung vorprogrammiert. Die Hauptaufgabe unserer Schule wird bleiben, demokratische, soziale und tolerante Persönlichkeiten zu bilden, die in einer globalisierten und komplex gewordenen Gesellschaft mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen mehr denn je gefragt sind." Die IGS Schaumburg baut auf der reformpädagogischen Grundlage auf: Die Kinder werden in ihrer Gesamtheit gesehen und sollen zu selbständigen, mündigen und verantwortungsbewussten Menschen heranwachsen. Im Sinne der Reformpädagogik gelten Lehrer als Begleiter, Förderer und Unterstützer, die Schüler sollen selbst lernen: Kreativität, Persönlichkeit und Solidarität. Oft werden an Reformschulen auf Noten, starre Unterrichtszeiten und feste Stundenpläne verzichtet. Klassen- und jahrgangübergreifender Unterricht ist häufig fester Bestandteil. In Schulen in Bremen, Stuttgart und Hamburg gibt es zudem Fächer wie beispielsweise "Glück". "Gute Gesamtschule ist selbstbewusst, offen, politisch, und wenn es sein muss, auch frech. Sie ist kritisch, mischt sich ein und scheut keine innere und äußere Auseinandersetzung", beschreibt es Wolfgang Kuschel, ehemaliger Schulleiter der IGS Langenhagen. Foto: wa

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