Lemgo (pro). Pünktlich, am Freitag vor der Zeitumstellung, erhielten literaturaffine Lemgoer in der Stadtbücherei bei "Ganz Ohr sein" Leseempfehlungen für die Zeit der kurzen Tage. Zur letzten Ausgabe im Kalenderjahr präsentierte der Förderverein eine Gästeliste aus sehr unterschiedlichen Bereichen der städtischen Wirkungsfelder: Darunter war nach langem Bemühen Jürgen Scheffler, der als Leiter des Museums Hexenbürgermeisterhaus vielen Lemgoern bekannt und in zahllosen Projekten stets viel beschäftigt ist. Im Zweiergespräch mit Moderatorin Elisabeth Webel stellte Scheffler dazu fest, keinen "bevorzugten Arbeitsbereich" zu haben, vielmehr sei es wichtig "den Fokus regelmäßig auf etwas Neues zu richten." Er stellte das Buch "Die Argonauten auf Long Island" vor. Das Werk umfasst vielfältige Beobachtungen der ersten Lemgoer Volkshochschuldirektorin Monika Plessner, welche 1951 den Ehebund mit dem Soziologen Helmut Plessner eingegangen war. Die Begegnungen mit weiteren bekannten Persönlichkeiten, welche unter anderem zur Bekanntschaft mit ihrem zukünftigen Ehemann führten, eröffnen neue Blickwinkel auf Namen wie Theodor Adorno und Hannah Arendt. Wie die sportwissenschaftliche Reportagenschrift "Born To Run" des Autors Christopher McDougall ihren Leseenthusiasmus geweckt hatte, erklärte Lucia Mühlhoff, Professorin an der Hochschule OWL, nachvollziehbar: "Meine Familie ist eine Sportfamilie!" Zudem biete das Buch einen spannenden Mix mit weiteren Aspekten, wie der dominierenden Geschichte des mexikanischen Läufervolks der Tarahumara. In ihrem gewählten Leseausschnitt lernte die Zuhörerschaft einige Eigenschaften des Volkes kennen und auch, dass das Läufervolk sich besonders guter Gesundheit erfreut. Um selbst zwischen den Beiträgen aktiv zu werden, hatte Physikprofessorin Mühlhoff eine Einheit zum Gleichgewichtstraining mitgebracht, die sogleich ausprobiert wurde.
Petra Borgschulte verhinderte im Dialog mit Elisabeth Webel die Entstehung jeglichen Vorbehalts gegenüber über ihrer juristischen Tätigkeit in der Amtsgerichtdirektion. Mit der selbsttitulierten "westfälischen Kodderschnauze" demonstrierte sie Nahbarkeit. Ihr Lesestück "Ein gutes Herz" des niederländischen Autors Leon de Winter preschte durch sofortige Handlung schon zu Anfang des Romans nach vorn: Der islamkritische Regisseur Theo van Gogh wird in Amsterdam von einem Islamisten ermordet. Beachtenswert ist die Verwebung realer Ereignisse im ansonsten erfundenen Verlauf der Erzählung. Stadtplaner und Baudezernent Markus Baier brachte dem lauschenden Publikum durch "Der amerikanische Architekt" ebenfalls eine tatsachenbezogene Geschichte mit fiktionalem Fortgang nahe. Im Gesellschaftsporträt Amy Waldmans wird in anonymer Auswahl ausgerechnet der Entwurf eines muslimischen Architekten für die Gedenkstätte am ehemaligen World Trade Center in New York zum Sieger gekürt. Die sehr unterschiedlichen literarischen Werke besprachen die Gäste der gut gefüllten Bücherei wie üblich bei Wein und Häppchen, für die Vereinsvorsitzender Günther Dreier den Sponsoren dankte.
