Lemgo (ag). Bitter, aber feingeistig, ein bisschen gemein und außerordentlich schadenfroh kam die Premiere von "Venedig im Schnee" Ende Oktober daher. Voller Spielfreude und nah am Zeitgeist nimmt die Freie Theatergruppe "Stattgespräch" mit der Komödie "Venedig im Schnee" unter anderem die aktuell große Spendenbereitschaft auf die Schippe. Augenzwinkernd rief Frank Wiemann, Gründer und Leiter des Stattgesprächs, dem Publikum nach der Aufführung im Lemgoer Kulturbahnhof dann auch zu: "Spenden Sie für Chouvenien!".
Moment. Chouvenien? Die Welt ist groß und recht unübersichtlich. Da kann man schon den ein oder anderen Konflikt übersehen – gerade in der heutigen Zeit, in der Millionen von Menschen auf der Flucht vor Armut, Krieg, Gewalt und Verfolgung sind. Aus welchen Ländern kommen die zahllosen Männer, Frauen und Kinder? Was haben sie dort erlebt? Wer weiß das schon so genau... Kennen Sie zum Beispiel Chouvenien? Die Hauptstadt heißt Chougrad. Na, klingelt’s? Als Patricia (Doris Weiß) aus Chouvenien vor der Tür von Nathalie (Stefanie Schöpe) und Jean-Luc (Frank Wiemann) steht, bringt sie im Leben des Liebespaares so einiges durcheinander. Nicht nur, weil Patricia ihren Gastgebern – in fließendem Chouvenisch – erklärt, dass es in Chouvenien keinen Sex vor der Ehe gibt – nicht mal ein "Kleinbus" (Anm. der Redaktion: Auf Chouvenisch bedeutet das ein "Kleinbisschen"). Christophe, ein alter Studienfreund von Jean-Luc hat Patricia, seine Freundin, zu einem gemeinsamen Abendessen mitgebracht. So, wie es aussieht, ist sie aus ihrem Heimatland Chouvenien geflohen. Nathalie und Jean-Luc möchten helfen. Sie suchen sofort ihre Wohnung auf Dinge ab, die sie sowieso wegwerfen wollten, Dinge, die überflüssig, kaputt oder hässlich – oder alles zusammmen – sind. Die Komödie von Gilles Dyrek hält dem Publikum gnadenlos den Spiegel vor. Neben der überspitzten und witzig aufbereiteten Sozialkritik arbeiteten Katrin Brakemeier und Markus Mogwitz, die bei dem Stück Regie führten, zudem zwei ungleiche Paare heraus. Schön böse, sich gegenseitig anmotzend und mit deutlichen Ansagen sind Patricia (Doris Weiß) und Christophe (Stephan Gottwald) erfrischend brummelig. Während bei den beiden der Haussegen extrem schief hängt, sind Nathalie (Stefanie Schöpe) und Jean-Luc (Frank Wiemann) in Hochzeitsvorbereitungen. Patricia-Darstellerin Doris Weiß muss sich in erster Linie auf ihre Mimik und Gestik verlassen. Und das darf sie auch. Was für einen wundervoll sturen Menschen hat sie da auf die Bühne gebracht! Partner Stephan Gottwald, überzeugt ebenfalls besonders in ruhigen Momenten. Stefanie Schöpe und Frank Wiemann hingegen spielen die beiden überdrehten und oberflächlichen edlen Spender. Die Darsteller gehen bis an die Schmerzgrenze. Kosenamen. Küsschen hier und Küsschen da, so zuckersüß, dass es beinahe schon weh tut. Dass Nathalie und Jean-Luc selbst in Chouvenien wohnen – einem Land der "Chouchous", das nicht größer ist als eine Wohnung – ist ihnen überhaupt nicht bewusst. Aber die Welt ist groß und recht unübersichtlich, da kann man schon das ein oder andere Land übersehen... Die Premiere war ein gelungener Auftakt für weitere Vorstellungen. Zwar sind die Karten für die weiteren Aufführungen des Stücks schon ausverkauft, Interessierte haben an der Abendkasse aber die Chance noch Karten zu ergattern. Wie Frank Wiemann vom Stattgespräch bekannt gab, wird es in dieser Spielzeit aufgrund eines engen Zeitplans wohl keine Zusatzvorstellung von "Venedig im Schnee" geben. Aber die Komödie steht definitiv in der nächsten Spielzeit wieder auf dem Programm –"vielleicht schon im September", lässt Frank Wiemann hoffen.