1. Pianistisches Paarlaufen

    Unaufdringliche Meisterschaft von Tal und Groethuysen

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    Detmold (kh). Ein Anblick mit Seltenheitswert – nicht nur ein, sondern gleich zwei Konzertflügel stehen auf der Bühne des Konzerthauses: Auf Hochglanz poliert der Steinway. Von matt-schwarzer Oberfläche der Bösendorfer. Die Flanken ineinandergeschmiegt. Und so wie die zwei Ungetüme vom Saal aus betrachtet zu einem Ganzen zu verschmelzen scheinen, so erlebt man auch das Spiel des deutsch-israelischen Klavierduos Yaara Tal und Andreas Groethuysen – als eins. Schnell vergisst man, dass es zwei verschiedene Paar Hände sind, die über die Tasten fliegen. Ist das Telepathie? Sechster Sinn oder magische Verbindung? Egal. Was auch immer es ist – es ist auf jeden Fall fantastisch, was vier Hände an einem Flügel oder zwei Mal zehn Finger an zwei Flügeln zu leisten vermögen. Zwei Spieler – ein Klang. Und was für einer!

    Eine besondere Art der Zweisamkeit Zunächst einmal aber teilen sich die beiden Pianisten eine Klaviatur. Vom ersten Ton an schlagen sie die Zuhörer in ihren Bann. Bietet doch Felix Mendelssohn Bartholdys eigenhändige Bearbeitung seines Oktett Es-Dur für Klavier zu vier Händen Tal und Groethuysen beste Gelegenheit, die Vielfalt ihrer pianistischen Palette auszubreiten. Es ist eine juvenile Genietat Mendelssohns – das Oktett op. 20. Ausgelassener Schwung. Leicht und irrlichternd. Mit Witz und rhythmischer Verspieltheit dahinhuschend. Und doch mit Tiefgang, der von Sicherheit und Beherrschung des kompositionstechnischen Instrumentariums zeugt. Das Klavierduo lässt seine Finger wirbeln und macht deutlich, dass Mendelssohns Könnerschaft und der dem Werk innewohnende Esprit nicht an eine Instrumentierung mit Violine und Co. gebunden ist. Ja, mehr noch: Die vermeintliche Dezimierung, die fort von den ursprünglichen Klangfarben führt, schärft den Blick für die eigentliche musikalische Substanz. Solist mit vier Händen Seine unaufdringliche Meisterschaft, Stilempfinden, wachen Sinn für motivische Arbeit, wohlproportionierte Kontraste und sinnvoll bemessene Tempi bringt das Duo auch in der "Großen Fuge für Klavier zu vier Händen" op. 134 von Ludwig van Beethoven intelligent zur Geltung. Ohne auf pianistische Effekte zu schielen, sogar eher sich durch ein gewisses Understatement auszeichnend, durchdringen sie das sperrige Spätwerk und machen es fassbar. Es wirkt geradezu, als umschlängen sich Arme und Hände der beiden, und es geht im buchstäblichen Sinne drunter und drüber zu. Bestechend nahtlose Übergänge und ein perfekter Zusammenklang selbst in den vertrackten Passagen dieser von harmonischer und thematischer Zerrissenheit geprägten Komposition zeugen von einem subtilen Miteinander. In der Wucht eines Fortissimos genauso überzeugend wie in den intimen und fabelhaft sensibel gestalteten Passagen. Komplexe Herausforderungen Max Regers exorbitante "Variationen und Fuge für zwei Klaviere über ein Thema von Beethoven" op. 86, die das Duo zum Abschluss des Abends auf das Programm gesetzt hat, treiben die Möglichkeiten moderner Flügel bis zum Exzess. Nicht minder exzessiv sind die immens komplexen spieltechnischen Herausforderungen, die Reger für die Pianisten bereit hält. Als seien nicht schon allein die Ausmaße des knapp halbstündigen Werkes für zweimal 88 Tasten einschüchternd, so ist es vor allem die Tonsprache der abschließenden Fuge, die das Werk ins Kolossale steigert. Große Ohrensause also. Und eine gepfefferte Portion Kompositionskunst. Denn Reger beschränkt sich in seinen Variationen nicht nur auf figurative, harmonische oder rhythmische Veränderungen, sondern unterwirft das Thema zudem höchst unterschiedlichen "Charakterveränderungen", die das Thema der letzten der Bagatellen op. 119 von Beethoven in den Hintergrund treten lassen. Wie ein Chamäleon wechseln Tal und Groethuysen die Schattierungen. Alle Hände voll zu tun gibt es, während die beiden sich Klangfarben weiterreichen und einander zuspielen. Mit der Routine, Begeisterung und pianistischen Kompetenz zweier mit allen Wassern gewaschenen Musiker entwickeln Tal und Groethuysen ein entwaffnendes Spiel von einer Strahlkraft und Energie, die irgendwo ganz tief in ihnen schlummern muss. Ein Augenaufschlag genügt zur Verständigung und die beiden enthüllen in einem Kosmos an Ausdrucksnuancen die sehr unterschiedlichen, ja teilweise unerwartet weichen Züge der musikalischen Persönlichkeit Regers: Verbindet man doch gemeinhin eher gewaltige Klangmassen mit dem oft als bärbeißig-unangepasst verschrienen Workaholic Reger denn eine Welt des Lyrischen und Langsamen. Schroffe Ausbrüche, mächtig stampfend und derb, wechseln ab mit zart sich umschlingenden Tongirlanden. Grazile Läufe umspielen das Thema in warmen Melodien und wirken ein Gespinst aus Gegenstimmen. Ein betörender Kokon aus Klängen. Abgründig schön vereinen sich der charakteristisch warme, aber doch kernige Klang des Bösendorfers und die kraftvolle Brillanz des Steinways. Mehr als einmal reibt man sich an diesem Abend baff die Ohren. Ahnt stummes Staunen im Saal. Viel feiner und lebendiger, homogener im Zusammenwirken und klarer im Klang als das Duo Tal & Groethuysen lässt sich das Spiel à quatre mains kaum realisieren. Beglückt atmet man am Ende mit den beiden aus. Und dass es rauschender Applaus ist, der dieses Dream-Team der vierhändigen Klavierliteratur von der Bühne geleitet, versteht sich von selbst.

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