Kreis Lippe/Detmold. Der 10. Oktober ist der internationale Tag der seelischen Gesundheit, um den herum viele Kommunen eine "Woche der seelischen Gesundheit" mit zahlreichen Veranstaltungen zum Thema anbieten.
"Wir haben das zum Anlass genommen, Vertreter aus lippischen Selbsthilfegruppen zu einem Austausch über die Wirkungen von Selbsthilfegruppen bei psychischen Erkrankungen und Belastungen einzuladen", berichtet Karin Marciniak von der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen in Lippe. 16 von rund 180 Selbsthilfegruppen in Lippe gehören zum Themenbereich der "psychischen Erkrankungen und Belastungen", darunter eine Gruppe für Angehörige und vier angeleitete Gruppen. "Auch wenn sich heute mehr Menschen trauen, über ihre psychische Erkrankung zu sprechen, als noch vor 10 Jahren, möchten Betroffene sehr oft nicht öffentlich darüber sprechen." sagt Karin Marciniak. Zu dem Treffen kamen Sprecher und Mitglieder aus fünf lippischen Gruppen zusammen und stellten neben manchen Unterschieden zwischen ihren Gruppen viele verbindende Gemeinsamkeiten fest. "Als ich gemerkt habe, dass ich in der Gruppe nicht die Fassade aufrechterhalten muss, als ob es mir gut geht, auch wenn das gerade gar nicht so ist, war ich total erleichtert", sagt Oliver Kaiser, Gründer der Oerlinghauser Gruppe "Auswärts – Laufen gegen Depressionen". "In der Gruppe kann ich offen sagen: "Es geht mir schlecht" und die anderen sind davon nicht überfordert und kennen das auch selbst. Rolf Dieter Kentsch, Gründer der Blomberger Gruppe "Horizont", kann das nur bestätigen: "Jemand, der Depressionen nicht kennt, versteht meist nicht, wie das ist, wenn Du aufstehen willst, und nicht kannst, als wenn Du schwer wie Blei bist oder gelähmt. Ich habe das früher bei anderen auch nicht verstanden, habe gedacht Der drückt sich nur", bis ich selbst erlebt habe, dass nichts mehr ging." "Und wenn es Dir eine Weile so geht, verlierst Du nach und nach Deine Kontakte" ,sagt Hermann Brüggemann, Sprecher der Detmolder Gruppe "Sonnenblume""Darum bleibt unsere Gruppe trotz unserer vielen Mitglieder immer offen für Betroffene, die alles verloren haben und sozial isoliert sind." Gitta Gerrlich, auch in der "Sonnenblume" engagiert, ergänzt: "Dann ist Tagesstruktur doppelt wichtig. Wir treffen uns vormittags, weil man da schon gleich morgens einen guten Grund hat, raus zu gehen und unter Menschen zu kommen. Der gemeinsame Besuch von Theaterveranstaltungen, das gemeinsame Kegeln oder Minigolfen oder die Singgruppe sind Gelegenheiten zum sozialen Kontakt." Während es in einigen Gruppen durchaus üblich ist, aufeinander Acht zu geben, ob sich der seelische Zustand verschlechtert und dann professionelle Hilfe zu empfehlen oder sich bei Behördengängen und in Haushaltsdingen gegenseitig zu unterstützen, steht bei anderen das Gruppentreffen im Zentrum, bei dem auch gern über den normalen Alltag, wie Urlaubsreisen, gesprochen wird. "Wir haben ein offenes Ohr für alle Sorgen, die jemand mitbringt, aber wir wollen auch miteinander lachen." sagt Bella Mischke von der Gruppe "Emotions", die sich wöchentlich zentral in Detmold trifft und Andre Lange von "Emotions" ergänzt: "Wir möchten auch hören und weitergeben, was in welcher Situation hilft. Zu uns können alle Betroffenen kommen und im Kontakt schaut man dann miteinander, ob man zusammenfindet." Die Detmolder Burnout-Gruppe ist seit fünf Jahren ein wichtiger Anlaufpunkt für alle Berufstätige, die plötzlich merken, dass sie total erschöpft sind. In den Gruppen "Emotions" und "Aufwind", die sich zweimal monatlich in Bad Salzuflen trifft, reicht die Altersspanne der Mitglieder von Anfang 20 bis über 60 Jahre. In Bad Salzuflen trifft sich auch die neue Gruppe für Menschen mit verschiedenen Zwängen. Und für Anfang 2017 ist die Gründung einer Gruppe für Menschen mit Ängsten, gern auch mit ihren Partnern, in Horn Bad Meinberg geplant. "Darüber sind wir sehr froh." sagt Karin Marciniak, "Aber wir nehmen auch kritische Aspekte wahr. Heute werden Selbsthilfegruppen öfter als Überbrückung genutzt, weil die Wartezeiten auf einen Therapieplatz länger geworden sind. Das mag für manche genau das Richtige sein, aber in der akuten Situation brauchen Betroffene professionelle Hilfe. Gruppenmitglieder sind dann trotz ihrer Erfahrungskompetenz oft überfordert. Selbsthilfe ist unverzichtbar und eine echte Hilfe, wenn sie gestärkt und nicht überfordert wird." Weitere Informationen zu den Gruppen finden sich auf www.selbsthilfe-lippe.de oder man kann Kontakt aufnehmen zur Selbsthilfe-Kontaktstelle in Lippe: Telefon (05231) 561260, (Sprechzeiten: Mo, Di, Mi 10 bis 13 Uhr und Do 10 bis 17 Uhr), Schorenstraße 12 in Detmold.
