Detmold (vfc). Schaue hin und rede darüber – in Bezug auf Kunst löst dieses Prinzip bei Dr. Traute Prinzessin zur Lippe Begeisterung aus. "Kunst macht Spaß!"– betont sie. Die bildende Kunst, ob Malerei, Grafik oder Skulptur, ist ihre große Leidenschaft.
Kunst ist ihr Kommunikation. Und diese beherrscht sie so bravourös und erfrischend, dass ihre Begeisterung für die Welt aus Farben und Formen auf ihre Zuhörer direkt überspringt. Es ist kein fachmännisches Monologisieren und kein oberflächlicher Plauderton. Vielmehr die Fähigkeit, den eigenen Elan an und das Wissen über Kunst zu kombinieren und in einzelnen Sätzen so pointiert zu formulieren, dass man mit- und hingerissen ist. "Ich gehe an die Bilder heran, nicht wie ein Fachmann, sondern wie ein Mensch!" sagt sie, die in ihren über 90 Lebensjahren so einiges an Kunst sah. Am liebsten ist ihr die Moderne Kunst, Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts: "Ich lebe doch im Jetzt und bin ein Kind meiner Zeit." Promoviert hat sie sich der Kunstwelt fern in Biologie. "Aber Naturwissenschaftler müssen auch genau hingucken. Das haben sie mit den Kunsthistorikern gemeinsam." Ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen kam nicht in Frage. Aber sie hat universitäre Vorlesungen in Kunstgeschichte besucht, um ein Werkzeug in der Hand halten zu können. "So wie die Köchin den Löffel." Trotz allem kunsttheoretischen Hintergrundwissen versucht sie, unvoreingenommen an die Kunstwerke heranzutreten. Erst einmal ansehen, dann zieht Prinzessin Traute ihre akademischen Möglichkeiten wie ein Handwerker sein Werkzeug. So erblühen Dialoge über Kunst, über ihren Inhalt, über die Maltechnik, über Kunsthistorie. Die Kunst wird darüber lebendig. "Die Beschäftigung mit Kunst hat meinen Blick geschärft." Die erste prägende Zusammenkunft mit der Kunst hatte sie 1946/47. Die Alliierten eröffneten in diesen Jahren erstmals eine Ausstellung mit bei den Nazis als "entartet" geächteten Kunstwerken. Da stieß Prinzessin Traute erstmals auf Nolde, Barlach, Kollwitz, Kirchner. Das war die Initialzündung. Seitdem ist ihr die Kunst ständiger Begleiter. Gerade ist sie zur Ehrenvorsitzenden der Lippischen Gesellschaft für Kunst berufen worden, wobei sie dem Kunstverein seit seiner Geburtsstunde verpflichtet ist. In der "Galerie Schmidt" in der Detmolder Adolfstraße traf sich derzeit ein kunstinteressierter Kreis. Es war der Bildhauer Karl Ehlers, der dort die Frage nach der Gründung eines Kunstvereins in Detmold stellte und damit offensichtlich ins Schwarze traf: Auf Anhieb hatte der Verein 70 Mitglieder. Seitdem ist es Prinzessin Trautes persönliches Anliegen, den Kunstdialog, das Gespräch über Kunst, zu pflegen. "Kunst ist ein Medium, das meine Neugierde stillt." Mit Neugierde blickt sie nicht nur im Museum umher, auch auf dem Kunstmarkt und hat mittlerweile eine beträchtliche Sammlung zusammengetragen. Während viele Kunstsammler auf ein Genre spezialisiert sind und oft Kunst als Finanzanlage kaufen, ist Prinzessin Traute eine Sammlerin aus Leidenschaft. Ihre Sammlung erzählt eine Geschichte, ihre persönliche Kunstgeschichte. Das Kunstsammeln begann sie in den 50/60er Jahren. Ihre Kunstschätze hängen in einem langen Flur des Schlosses, der die einzelnen Privaträume miteinander verbindet. Wer über diesen Galerie-Flur wandeln darf, der entdeckt einige der großen Namen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Max Ernst, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Salvador Dalí, Takis, Lienhard von Monkiewitsch. Mit allen Kunstwerken verbindet die Sammlerin eine persönliche Geschichte. Einige sind ihr darüber besonders an Herz gewachsen wie eine Druckgrafik von Max Ernst. Bei der 1. Documenta in Kassel stieß Prinzessin Traute zum ersten Mal auf dessen Kunst und war direkt "von seiner Art die Leinwand zu behandeln" eingenommen. Oder jenes Lieblingsbild, das in den 60er Jahren ihr Mann, Prinz Armin, für sie in einer Galerie in Köln kaufte: "Die kleine Infantin". Die Equipe Crónica, einer 1965 in Spanien gegründeten Künstlergruppierung, zitiert in diesem Ölbild eines der großen Vorbilder der spanischen Malerei: "Las Meninas" des Barockmalers Diego Velázquez. Das Bild ist in Packpapier eingehüllt, wobei es sich um realistisch gemaltes, nicht echtes Papier handelt. In einer Ecke ist das Papier eingerissen, hierdurch zeigt sich der Kopf der spanischen Infantin, die Tochter König Philipps IV. von Spanien. Wo im Original der Hofmarschall im Hintergrund auf den Treppenstufen steht, ist es in der Version der Equipe Crónica ein Mao-Soldat. Den Familienmitgliedern des Hauses zur Lippe war es lange Zeit ein Dorn im Auge. "Es war ein Familienskandal." Hatte die Familie ihre Schwierigkeiten mit dem Bild, wollten Kuratoren und namhafte Museen es hingegen häufig für ihre Ausstellungen entleihen. So war das Skandal-Bild etwa bei der Kästner-Gesellschaft in Hannover ausgestellt. Aber irgendwann nahm es Schaden, so dass es nun an der Wand im Detmolder Schloss definitiv hängen bleibt. Am großen Portal des Schlosses, das Prinzessin Traute mit einem überraschend kleinen Schlüssel zu öffnen weiß, gibt sie ihrer Besucherin mit einem verschmitzten Lächeln einen ihrer so simpel klingenden, aber so aussagekräftigen Sätze mit auf den Weg: "Die Kunst, die ist ewig!"
