Lemgo (nr). Wenn traditionelle lateinamerikanische Rhythmen und Temperament durch das Kirchenschiff von St. Nicolai tanzen, ist das allein schon ungewöhnlich. Wenn argentinische Musiker und Chormitglieder aus Lemgos Kantoreien gemeinsam dieses Gefühl für Musik ins Publikum zu transportieren wissen, wird es großartig. Das Abschlusskonzert des Musikfestivals "mixTour" in der Kirche St. Nicolai barg jedenfalls einen großen Schatz an wunderbaren Klängen, fantastischen Stimmen und einer unglaublichen Virtuosität – und es hat auf eine sehr lebendige Art und Weise eine Brücke von Spaniens musikalischen Schätzen bis zur Gegenwart gespannt.
Das, was das finale "mixTour"-Konzert zu Gehör brachte, war mit dem argentinischen Inti-Duo, bestehend aus Daniela Nandine und Tomàs Davidis, und ebenfalls argentinischen Musikern fantastisch authentisch. Dabei erklangen Instrumente, die man nicht jeden Tag hört, die aber das südamerikanische Gefühl weitaus deutlicher transportieren als ihre europäischen Verwandten. Die Caja, eine kleinen Trommel aus dem Norden Argentiniens hielt gemeinsam mit dem "Inti-Duo" Einzug ins Kirchenschiff. Mit Gitarre und Charango, einer kleinen fünfsaitigen Gitarre, sangen Daniela Nandine und Tomàs Davidis Lieder aus ihrer Heimat, die sie auf Deutsch anmoderierten. Da ging es um den würdigen Umgang mit Flutopfern, um einen verstorbenen Indianer und darum, leise und sanft die Meinung zu sagen und dabei das Feuer im Herzen zu tragen. Die Stimmen beider Sänger harmonierten wunderbar und obwohl es fremde Worte waren, sind sie beim Publikum angekommen. Die fremden Silben beherrschten auch die Sängerinnen und Sänger der Marienkantorei und des Vokalensembles unter der Leitung von Friedemann Engelbert, die das Temperament argentinischer Volkslieder stimmlich und rhythmisch einwandfrei trafen. Modern ging es mit Rodolfo Paccapelo am Kontrabass und Pablo Woizinski am Flügel weiter. Beide Musiker trafen mit jazzigen Samba- und Chacarera-Rhythmen den Musikgeschmack des Publikums. Pehuén Naronja war dann solistisch zu hören, ließ seine voluminöse und wunderbare Stimme begleitet von der "Cultrun", einer Indianertrommel oder der Charango durch die Sitzreihen wogen. Diego Jascalevich zauberte als letzter Auftritt des ersten Teils des Abends auf der Charango. Was für eine Überraschung, wie dieses kleine, gitarrenähnliche Instrument klingen, wie es ein so großes Kirchenschiff bis in den letzten Winkel ausfüllen kann! Den zweiten Teil des Abends bildete die "Misa Criolla" von Ariel Ramirez. Nachdem das Zweite Vatikanische Konzil erlaubt hatte, auch die Landessprache in der Messliturgie zuzulassen, komponierte er 1964 die kreolische Messe, die längst zu den bekanntesten und bedeutendsten Stücken sakraler Musik gehört. Der charakteristische Rhythmus der Sätze gab dem Chor eine sichere harmonische Stütze. Getragen von diesem festen, rhythmisch-harmonischen Fundament nahm der Chor die Zuhörer mit auf eine musikalische Reise nach Südamerika. Das Kyrie schien von weit her zu beginnen. Der Chor produzierte einen intensiven Klangteppich, auf dem die Solisten im getragenen Anden-Rhythmus, der baguala vidala flehend sangen. Im Gloria ging dann im tänzerischen carnavalito rhythmisch klar weiter. Trotz des schnellen Tempos trug der Chor souverän die spanischen Silben in den Raum. In Begleitung der argentinischen Musiker gelang es den Choristen unter der Leitung von Volker Jänig, die ohnehin schöne "Misa Criolla" zu einem besonderen musikalischen Erlebnis zu machen. Sie bewiesen gemeinsam dieses unglaubliche Gefühl für Musik und wurden letztendlich dafür zu Recht vom Publikum gefeiert.
