Lemgo (pgk). Fasziniert waren sie, die zahlreichen Zuhörer, vom Eröffnungskonzert "mixTour" in der Lemgoer Kirche St. Marien und erstritten sich schließlich drei Zugaben von der "Capella de la Torre" unter der Leitung von Katharina Bäuml. Diese "Capella" - acht Musiker - begeisterte durch ihr rhythmisches, professionelles und variantenreiches Musizieren von Renaissance-Literatur auf Instrumenten, die in keinem heutigen Sinfonieorchester zu finden sind: Schalmei, Altpommer, Dulzian, hist. Percussion, Laute, hist. Flöten und Posaune, unterstützt durch einen Sänger (Tenor) und die ebenfalls historische Schwalbennestorgel der Marienkirche (Volker Jänig).
Neben der Zeitreise in das 16. Jahrhundert luden die höchst professionellen, in diesem Jahr mit dem ECHO Klassik ausgezeichneten Musiker an diesem Abend zu einer inspirierenden Reise an den Hof der spanischen Königin Isabella (1452-1516) ein, an dem ein großartiges Stück Musikgeschichte im "Cancionero de Palacio" (Sammlung von 458 weltlichen und geistlichen Kompositionen) erhalten ist und von dem aus Christoph Kolumbus nach Amerika aufbrach. Welch farbenreiches, swingendes, teils feuriges Musizieren, aber auch wehklagendes Deklamieren konnte Bäuml, die selbst Schalmei oder Flöte blies, ihren brillanten Musikern entlocken! "Wir bemühen uns, so nahe am Original zu bleiben, wie möglich", so Bäuml in ihren erläuternden Kommentaren zwischen den einzelnen Spielblöcken, und das gelang dem Ensemble in hervorragender Weise in puncto Tempi, Rhythmus, Ausdruck, Improvisation ... auf seinem historischen Instrumentarium. Kantor Volker Jänig ergänzte dieses beeindruckende Renaissance-Feuerwerk durch überzeugende historische Orgelwerke auf der Schwalbennestorgel. Sozusagen mit Haut und Haaren fühlte sich der Zuhörer zurückversetzt in eine Zeitepoche, die zwar in ihren politischen und religiösen Auseinandersetzungen nicht immer sonderlich sensibel mit ihren Bürgern umsprang, in der aber – sozusagen als Gegenpol – Kunst und Musik immer etwas Wunderbares, Erhabenes, ja Göttliches widerspiegelte. Erfreulich detailliert und inspirierend auch Bäumls "Instrumentenkunde" in den Spielpausen. So erklärte sie den Unterschied von Laute und Gitarre, definierte ihre Schalmei als Uroma der Oboe, den Altpommer ihrer Kollegin als instrumentalen Vorfahren des heutigen Englischhorns, wobei die Bassvariante dieses Instrumententyps mit eine Länge von 3,6 Metern an die Grenze der Spielbarkeit stößt. Bei den ausgesprochen variantenreichen Instrumentalstücken und Liedern des Abends über Liebe und Trauer, Anbetung und Gottesverehrung, überwiegend von unbekannten Komponisten, fiel ins Ohr, dass hier kaum dezidierte Unterschiede zwischen geistlicher und weltlicher Musik auszumachen sind. Hervorragend aufeinander abgestimmt hier die feine überzeugende Gestaltung durch das gesamte Ensemble, ein überwiegend tänzerisches, schwingendes Musizieren in professioneller Spieltechnik, stellenweise auch hochbrisant und ausdrucksstark, jedoch niemals dominant. Dies galt auch für die wunderbaren, aber relativ defensiv gesungenen Partien des Solotenors (Jose Pizarro) und das faszinierende Kastagnetten-Solo des Percussionisten (Peter A. Bauer) in der Schlussphase des Konzertes, in der sich dann abschließend Musiker und rhythmisch klatschendes Publikum wechselseitig die "spanischen Bälle" zuwarfen. Alles in Allem ein höchst überzeugendes Eröffnungskonzert des Lemgoer Musikfestivals "mixTour-Renaissance der Musik", das noch Orgelkonzerte und -exkursionen, Fortbildungen für Lehrer und Kinder und einen musikalischen Gottesdienst für interessierte Gruppen in den nächsten Tagen anbietet als Spiegel der musikalischen Ausdrucksfacetten einer Jahrhunderte zurückliegenden Zeitepoche.
