Lügde (afk). Im bundesdeutschen politischen Kabarett steht Christian Ehring seit Jahren in der ersten Reihe und legt den Finger in die Wunden, die andere gerne zupflastern würden. Als "extra 3"-Moderator und "heute-show"-Gesicht ist er einer der bekanntesten und scharfzüngigsten Kabarettisten Deutschlands. Mit seinem aktuellen Bühnenprogramm "Keine weiteren Fragen" eröffnete er am Samstagabend die 17. Spielzeit von "Kultur im Kloster Lügde".
Der Wiedererkennungswert ist in Christian Ehrings Soloprogramm eigentlich für jedermann ziemlich hoch, berichtet er doch aus der vermeintlich eigenen Biografie als links-liberal-grüner Öko-Spießer mit Kind und Haus am Stadtrand. Das Elend in der Welt im Fernsehen lässt ihn nicht unberührt: "Ich bin natürlich für Grundrechte. Ich bin ein offener Mensch. Ich hab eine nette Familie, mein Golden Retriever lebt eine offen schwule Beziehung." Umsponnen wird sein "aktueller Lagebericht aus dem Komfortzonenrandgebiet", wie es in der Ankündigung zu seinem Programm heißt, von einer durchgängigen, fiktiven Story, die Aktuelles von Dieselgate, die deutsche Top-Ökobilanz ("Wir haben den ersten CO2-freien Flughafen und eine unsichtbare Pkw-Maut"), das hoch gehandelte selbstfahrende Auto ("Was sollen wir mit Autos, die intelligenter sind als ihr Fahrer? Wo bleibt das schadstofffreie Fahrzeug, das über 500 Kilometer fährt?") über die Fifa und Beckenbauer bis zur deutschen Willkommenskultur so genüsslich wie treffend durch den Kakao zieht und viel Spielraum für Seitenhiebe auf alle Facetten des Bildungsbürgertums lässt. Und auch um die immer noch bestehenden Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern geht es. Um sie zu beseitigen, sollten Männer von Januar bis März einfach frei kriegen, um am Jahresende dann den gleichen Lohn zu haben, so sein Vorschlag. Das Publikum und der 44jährige haben viel gemeinsam. Die meisten im Saal sind selbst Eltern und können wohl gut nachvollziehen, was er da so aus dem elterlichen Standpunkt beim Spross beklagt ("Allein der Gestank. Jetzt verstehe ich, warum die Sportschuhe Puma heißen"). Der Ausgangspunkt von Ehrings Geschichte: Die Einliegerwohnung im Einfamilienhaus, in der der 18jährige Sohn offensichtliche Verständigungsprobleme mit seinem Erzeuger hat. Der meint ihm nun wegen dessen Phlegma alles organisieren zu müssen, so u.a. die Ableistung des Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Slum in Südamerika. In diese frei werdende Wohnung könnte man doch, so die die Idee seiner Ehefrau, einen Flüchtling aufnehmen - eine tolle Idee, wie man gemeinsam befindet, aber "es gibt Ideen, die sind starke Ideen, aber vor allem als Ideen sind sie stark. Es gibt Ideen, die verlieren sogar, wenn man sie dann in die Tat umsetzt." Willkommenskultur in der Praxis, solange es nicht ans Eingemachte geht. Ehring bringt alle Fragen, Zweifel und Gedanken präzise auf den Punkt, spricht sie an, die Feindlichkeiten gegenüber Frauen, Fremden, Schwulen usw. . Wiegt man sich auch nur kurz in Sicherheit, hält Christian Ehring einem im nächsten Satz gnadenlos den Spiegel vor. Sich Gedanken machen, die Gesellschaft und das eigene Tun hinterfragen - abseits der vielen Pointen spart der Kabarettist nicht mit leisen, ernsten Tönen. Doch die Bühnenfigur spielt in Wahrheit mit ihrer teils erfundenen, teils realen Biografie und ihrer vordergründigen Liberalität ("Ich bin Veganer – mag aber Steaks"). Ein sich selbst entlarvendes Spiel, meist humorvoll, nicht bitterböse, gelegentlich schwarz-humorig. Doch zwischendurch darf man auch einfach nur lachen, zum Beispiel, wenn er von seiner neuen Leidenschaft schwärmt, der Rückbildungsgymnastik. Zudem hat er mit dem Komponieren von "veganen Kinderliedern" wie "Alle meine Smoothies" eine echte Marktlücke entdeckt, witzelt Ehring. Überhaupt bekommen vor allem die körper- und gesundheitsbewussten Vorzeige-Spießer ihr Fett weg, zum Beispiel in einem Lied über die Nebentätigkeit als Yoga-Lehrer, der jetzt scheinbar jeder nachgehen will und muss. Unterbrochen wird Ehrings Monolog immer wieder durch selbstkomponierte lakonisch-bissige Lieder am Klavier. Was bei ihm so leicht und fröhlich daher kommt, ist wiederum ein Fingerzeig auf täglich gelebte Klischees derer, denen es gut geht in unserem Land. Ehring will Zweifel säen, Ideologien in Frage stellen und damit einen Erkenntnisgewinn beim Publikum schaffen. Klare Kante zeigt er unter anderem bei seinen verbalen Attacken gegen die AfD und Seehofer. Durch sein gutes Timing und den fast sichtbaren Schalk im Nacken gelingt ihm das auch mit anspruchsvollem Politkabarett spielerisch. Doch eins ist völlig klar: So ein Kabarettabend mit Christian Ehring ist längst kein moralischer Ablassbrief. Aber immerhin - es ist ein Anfang. Am Ende stimmt die Mischung, und neben vielen Lachern nahmen die Besucher aus dem Lügder Klostersaal sicher auch den ein oder anderen Denkanstoß mit nach Hause.
