1. Kann Trauerredner ein Traumberuf sein?

    LA sprach mit Trauerrednerin Marlin Kollenda, die ihre Aufgabe als Berufung empfindet

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    Detmold. Um die berufliche Zukunft, Wunschberufe und Perspektiven ging es im September bei der Messe Berufe Live. Nicht immer findet man seinen Traumjob auf Anhieb. Manchmal bedarf es auch Umwege oder (tragischer) Zufälle, um seine Berufung zu finden. Auf der Liste der Traumberufe rangiert der "Trauerredner" sicher nicht im oberen Feld. Für Marlin Kollenda (54) aus Detmold ist das allerdings anders. Sie hat darin ihre Berufung gefunden. Als freie Trauerrednerin hält sie bei Trauerfeiern die Rede und trägt, als renommierte Sängerin, auch Lieder vor. Unsere Redaktion sprach mit Marlin Kollenda, welche Wege sie zu ihrem heutigen Beruf geführt haben.

    ? Wie kamen Sie zu diesem Beruf Durch eine eigene Erfahrung. Als mein Partner vor über zehn Jahren starb, bot der Bestatter mir einen Freiredner an, der hauptsächlich Goethe und Schiller vortrug. Ich habe nichts gegen Goethe und Schiller, aber in einem solchen Moment möchte ich etwas anderes hören, als die Aneinanderreihung kluger Zitate. Außerdem gestehe ich, dass ich es damals vom Grundsatz her fast für eine gewisse Anmaßung hielt, dass ein Fremder etwas über den von mir geliebten Mann sagen wollte. Darum habe ich die Rede dann - in meiner Not - selbst gehalten. So fing es an. ? Was hat Sie bewogen, auch bei anderen Trauerfeiern zu sprechen Ich wollte nicht, dass Freunde vielleicht dieselbe Erfahrung machen müssen und bot mich an. Danach habe ich immer häufiger Reden gehalten und gemerkt, dass das meine wahre Berufung und Lebensaufgabe ist. ? Wie kann Trauerredner eine Berufung sein und wie bereiten Sie sich auf eine Rede vor Das hängt mit meinem Vorleben zusammen. Ich bin Sängerin und, wie man so schön sagt, "bekannt aus Funk und TV". Aber der Beifall euphorisierte mich nicht. Ich war weiterhin auf der Suche. Wenn ich heute auf einer Trauerfeier singe, dann gibt es keinen Beifall – aber er fehlt mir eben auch nicht. Ich weiß, dass ich nirgendwo anders singen sollte. Wenn ich nach einer Trauerfeier heimgehe, habe ich in mir das Gefühl stillen Glücks. Es ist für mich kein "Job" sondern eine Aufgabe. Denn mit der Erinnerung an die Trauerfeier müssen die Hinterbliebenen ein Leben lang zurecht kommen. Damit die Feier liebevoll und wertschätzend verläuft, nehme ich mir sehr viel Zeit für das Trauergespräch. ? Wie lange dauert ein Trauergespräch Meistens gut zwei Stunden. Es kommt aber auch mal vor, dass es mehrere Stunden dauert, denn es geht nicht nur um Informationen für mich. Dort wird auch Trauerarbeit geleistet. Oft ist dieses Vorgespräch und die Feier der letzte Moment, um alte Verletzungen zu heilen. Wenn das gelingt, macht mich das demütig und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Arbeit machen darf. ? Was qualifiziert sie
 zur Trauerrednerin Eine große Empathiefähigkeit. ? Was wünschen sich
 Angehörige von der Trauerfeier Sie wünschen sich eine individuelle, persönliche Feier. Der übliche Ablauf ist normalerweise noch so wie vor hundert Jahren, doch das genügt heute nicht mehr. ? Wie wichtig ist die Vita des Verstorbenen in einer Trauerrede Die Vita gehört natürlich auch dazu. Es geht aber mehr darum, wer gegangen ist. Was hat diesen Menschen ausgemacht? Welche Werte hatte er? Was hat er hinterlassen – nicht materiell sondern ideel? Man nimmt ihn mental noch einmal ganz fest in die Arme und sagt: "Du darfst jetzt gehen." Dann kann man loslassen - in Liebe. Loslassen ist ein Weg. Ich sorge dafür, dass die ersten Schritte auf diesem Weg mit einem guten Gefühl gegangen werden können. ? Wie geht man mit sehr tragischen Fällen um – müssen Sie dann nicht selbst mit Tränen kämpfen Ich will in diesem Moment nur dienen und habe das Gefühl, ich stehe dann unter einem besonderen Schutz. Dann erreicht mich nichts. Wenn ich hinterher allein im Auto sitze, sieht das schon anders aus... ? Was gibt Ihnen die Kraft für diesen Beruf Ohne meinen Glauben könnte ich diese Arbeit gar nicht machen. Aber ich missioniere nicht. Der Glaube ist meiner Meinung nach reine Privatangelegenheit. Aber eins fällt mir immer wieder auf: Obwohl sie einen Freiredner möchten, wünschen sich fast alle meine Kunden zum Schluss das Vater unser. Ich richte mich da aber grundsätzlich völlig nach den Wünschen der Hinterbliebenen. Es muss zum Verstorbenen passen und auch zu ihnen. Denn sie nehmen Abschied – dabei soll man die eigene Wahrheit leben und nichts anderes, nur weil es vielleicht so üblich ist.

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an