Lemgo (rto). Volles Haus in Lemgos guter Stube: Der mit diversen Kleinkunstpreisen ausgezeichnete Kabarettist Stefan Waghubinger war mit seinem Programm "Außergewöhnliche Belastungen” in der Alten Hansestadt zu Gast. Im Rahmen des Lemgoer Sommertreffs trat der gebürtige Österreicher am Dienstagabend auf die Bühne am Markt.
Der hintergründig schwarze Humor des Kabarettisten, der anhand einer noch auszufüllenden Steuererklärung sein Leben reflektiert, kam leider nicht bei jedem der zahlreichen Besucher an. Man musste schon aufpassen, um die diversen, immer wieder bösartigen Feinheiten die Waghubinger mit der deutschen Sprache trieb zu verstehen. Die Grundlage des philosophischen Outings eines Mannes ist die Geschichte, dass er, der ein ganzes Jahr über Unsinn gemacht hat dieses jetzt auch noch versteuern muss. Waghubinger sitzt gelangweilt – die Krawatte baumelt leger um den Hals – mit einem eher ausdruckslosen Gesicht auf der Bühne und erzählt, dass die Steuererklärung endlich fertig werden muss. An seiner Seite sind nur ein paar Quittungen sowie das Steuerformular, eine Tasse Kaffee und ein Wasserkocher, mit dem das Nachdenken über die Intelligenz von Strom und Mensch beginnt. Was dabei herauskommt, ist mitnichten das ausgefüllte Formular, sondern vielmehr der Vergleich des Lebens mit einem sich dehnenden Gummiband was in der Aussage mündet: "So wie der Gummi sich dehnt ist das Leben. Es kommt immer wieder etwas dazu. Aber, wenn der Gummi reißt, ist das Leben vorbei – manches fängt dadurch aber auch erst an!" Mit tiefschwarzen und bissigen Sprüchen, aber dennoch irgendwie liebevoll, blickt der Kabarettist auf den Sinn und Unsinn seines Lebens zurück. Wie etwa auf den Wunsch auszusehen wie Captain Kirk aus der Serie "Raumschiff Enterprise". Seine Eltern ließen ihn glauben, dass er mit der von der Mutter selbst gestrickten Jacke und der vom Vater gefertigten passenden Mütze eben genauso aussah. "Meine erste Erfahrung, wie glücklich es machen kann, wie Menschen dich sehen,... bis, ja, bis du in den Spiegel siehst und dich statt Captain Kirk die Biene Maja ansieht", so sein bitteres Resümee. Weiter geht die philosophische Reise über den Wert von Elektrogeräten ("So lange sie leben, werden sie als Schrott bezeichnet, gehen sie auf den Müll, wird komischerweise plötzlich Wertstoff daraus") oder den Sport im Zusammenhang mit der die Auslagerung von Arbeitsplätzen in die sogenannten Drittländer: "Das Blöde am Sport ist, man muss die ganze Arbeit selbst machen und kann sie nicht nach Indien auslagern. Deshalb habe ich mit Sport aufgehört". So treiben den Protagonisten die Kästchen in der Steuerklärung über den Abend hinweg von der Erinnerung an seine erste Liebe und an seine erste Lüge bis zu den apokalyptischen Visionen über das jüngste Gericht. Am Schluss bleibt nur eine Frage: Ist dieses Leben eine außergewöhnliche Belastung oder ist es außergewöhnlich schön? Was nach eineinhalb Stunden dabei herauskommt, ist kein einziges ausgefülltes Formular, dafür dieser tiefschwarze, bissige und trotzdem liebevolle Blick auf den Sinn und Unsinn des Lebens. BUZ
