Lemgo (nr). Jede Entscheidung ist mit Verantwortung behaftet; Verantwortung für das, was man tut, für Familie oder auch für Freunde. Wer jung ist, denkt nicht immer über Konsequenzen des eigenen Handelns nach – auch nicht, wenn diese Verantwortung mit den Rechten anderer Menschen zu tun hat. Zehn Schülerinnen des Marianne-Weber-Gymnasiums und der Karla-Raveh-Gesamtschule haben sich unter der Leitung von Lehrer Philipp Schmidt-Rhaesa Gedanken darum gemacht, wie sie ihre Mitschüler für das eigene Handeln sensibilisieren und ihr Verantwortungsbewusstsein schärfen können. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Theaterstück mit dem Titel "Strafe vergeht – Verantwortung bleibt", das im Rahmen des Projektes "Zerplatzte Zukunft", einen wichtigen Platz einnimmt.
"Strafe geht vorbei – Verantwortung trägt man ein Leben lang". Das Präventions-Theaterstück, das am Dienstag vergangener Woche erst für Schüler und später für Eltern und Interessierte aufgeführt wurde, lässt Raum zum Mitdenken und spielt symbolisch gekonnt mit der Tragweite von Entscheidungen und der Verantwortung, die daraus erwächst. Trotz Begriffen wie "Zivilrecht", "BGB" oder "Schadensersatz", haben die 10 Schülerinnen vom MWG und der Karla-Raveh-Gesamtschule das Thema "Verantwortung" sehr eindrucksvoll dargestellt. Das Theaterstück zeigt die Lebens- und Gedankenwelt von Jugendlichen mit den Gefahren und Fallen, die das Leben mit sich bringen kann; Gefahren, die mitunter das gesamte restliche Leben negativ beeinflussen können. Und ungewöhnlich, aber schön umgesetzt, waren auch die Dialoge mit geladenen Fachleuten, die in das Stück eingebaut waren: neben der Polizei waren das auch der Gerichtsvollzieher Marcus Brinkmann und Hendric Schwär-Fröhlich vom Geschäftsbereich Jugend und Schule der Stadt. "Was passiert denn eigentlich, wenn..." waren die Fragen. Die Antworten zeichneten alles andere, als schöne Bilder. "Die meisten Jugendlichen haben zumindest schon einmal den Begriff ‚Strafrecht’ gehört", weiß Uwe Koltermann von der Polizei Lemgo, der zugleich Ideengeber für das Gesamtprojekt war. "Dass durch entstandene Schäden – sei es an Gesundheit oder bei reiner Sachbeschädigung – das Zivilrecht für eine lange Zeit greift, können sich vor allem Jugendliche selten vorstellen." Er selbst kennt einen Fall, in dem der Täter 30 Jahre eine Schuld tilgen musste und weiß, dass das besonders für Jugendliche eine fast unvorstellbare Zeitspanne darstellt. Für die meisten Menschen sei das Thema "Bestrafung" mit dem Strafrecht getan. Wer denkt da schon daran, dass es nicht nur um Strafe geht, sondern auch um Wiedergutmachung den Geschädigten gegenüber? Das Stück nimmt sich verschiedener Bereiche an: welche Verantwortung hat der Einzelne, welche Rechte und Pflichten, welchen Platz nimmt der Staat ein und wann greifen Straf- und Zivilrecht? Das Gesamtprojekt heißt passend dazu "Zerplatzte Zukunft" und der dazugehörige Film, der Ende 2015 bis Anfang 2016 unter der Regie des Pisa-Theaters Bielefeld entstanden ist, wurde gar auf dem Deutschen Präventionstag in Magdeburg ausgezeichnet. Im Vorfeld war an einigen Lemgoer Schulen ein Wettbewerb zur Gestaltung des Covers der DVD ausgeschrieben worden, den Bettina Fritzler aus der 8. Klasse des MWG gewonnen hat. Auslöser, das Projekt zu initiieren war für Uwe Koltermann eine Schülerumfrage zu Zivil- und Strafrecht. "Mit Strafrecht konnten die meisten etwas anfangen, beim Zivilrecht sah das schon ganz anders aus", erklärt er. "Aufklärungsmaterial war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, so wurde erst der Film gedreht und anschließend haben die Schülerinnen das Theaterstück innerhalb nur einiger weniger Treffen entwickelt, wobei sie auch die Dialoge selber entwickelt haben." Philipp Schmidt-Rhaesa ist stolz darauf, dass die Schülerinnen nicht nur in so kurzer Zeit einen Zugang zu einem schwer verdaulichen Thema gefunden, sondern es auch sehr eindrucksvoll umgesetzt haben. Er sieht, gemeinsam mit allen Verantwortlichen, noch den Bedarf, das Thema weiter zu entwickeln. So sind bereits jetzt zwei weitere Vorführungen für den Herbst geplant.
