Bielefeld (rh). Der Fall – im doppelten Sinne des Wortes – eines bekannten Fußballtrainers verlieh dem Thema, das Thomas Manns "Tod in Venedig" zugrunde liegt, eines besondere Aktualität: die Liebe erwachsener Männer zu heranwachsenden Jungen. Noch in den 1970er und 1980er Jahren wurde die auch schon in der Antike bekannte "Knabenliebe" in bestimmten politischen Kreisen als gesellschaftlich unbedenklich angesehen. Heute sieht das unsere Rechtsordnung anders. Wie passt also das Thema, von Myfanwy Piper zu einem Libretto gestaltet, von Benjamin Britten in Noten gesetzt und in der Hauptrolle des Gustav von Aschenbach seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschrieben, in die heutige Zeit?
Darauf sollte die Aufführung im Bielefelder Stadttheater eine Antwort geben. Und, um es vorweg zu nehmen, Regisseurin Nadja Loschky hat sie überzeugend gefunden, indem sie die homoerotischen Neigungen des alternden Schriftstellers Aschenbach auf den "Psychopompos" (Seelenboten) fokussiert, der dem Hauptdarsteller in verschiedenen Situationen beispielsweise als Gondoliere, Hotelmanager oder Barbier entgegentritt. Den polnischen Knaben Tadzio entrückt sie hingegen dieser Ebene, indem sie ihn zwar den Betrachtungen Aschenbachs aussetzt, aber zugleich in seiner eigenen Welt auch mit Mädchen zeigt. Das Bühnenbild, entworfen von Ulrich Leitner, reduziert die optische Präsenz Venedigs auf ein Minimum, auch im wörtlichen Sinne, beispielsweise durch eine Spielzeuggondel bei der Überfahrt Aschenbachs zum Lido. Ganz in Weiß gehaltene, kühl wirkende Räumlichkeiten, auf der Drehbühne bewegt, erwecken vorsichtig Assoziationen zu einer Hotelrezeption oder einem gastronomischen Betrieb, in dem sich die einfallsreich in Schwarz-Weiß gekleideten Nebenrollen (dargestellt durch Chor und Statisten) zeitlupenmäßig bewegen – oder aber erstarren. Auch das gehört zu den genialen Regieeinfällen (Choreographie: Thomas Wilhelm, Kostüme: Gabriele Jaenecke). Das weibliche Element wird durch rot-weiße Kleider hervorgehoben. Dies gilt insbesondere für die Erdbeerverkäuferin (Nienke Otten, ein gern gehörter Sopran!), die Aschenbach die mit Cholera infizierten Früchte ("le belle fragole") anbietet. Dabei muss man wissen, dass "fragola" im Italienischen auch noch in einem anderen Sinne verstanden werden kann, nämlich als umgangssprachliches Wort für das weibliche Geschlechtsorgan. Auch Aschenbach zieht sich das rot-weiße Kleid an, er wird quasi verweiblicht, wenn ihn dionysische Gelüste überkommen. Dionysos steht als griechischer Gott des Weines für den Rausch, während Apollon die Vernunft verkörpert. Beide ringen im ersten Akt um die Vorherrschaft, und zunächst gewinnt mit Apoll noch die rationale Selbstkontrolle; im zweiten setzt sich dann aber Dionysos durch. Die "Unvernunft" hinsichtlich der Neigung zu Tadzio lässt Aschenbach psychisch zerbrechen, die "Unvernunft" im Umgang mit der Cholera führt schließlich zu seinem Tod. Benjamin Britten hat mit seiner Librettistin ein bedeutendes Gesamtkunstwerk geschaffen, dessen Musikalität traditionelle und modernere Musikformen vereinigt. Die Partitur war eine große Herausforderung an Dirigent Pawel Poplawski und die Bielefelder Philharmoniker, und diese haben sie mit Bravour bewältigt. Hervorzuheben ist die großartige Besetzung des Schlagwerks, unter anderem mit Marimba, Xylophon und Glockenspiel. Und dazu der Tenor Alexander Kaimbacher als Aschenbach, dessen Stimme bis in die kleinsten Nuancen die Stimmungslagen der Hauptfigur wiederzugeben wusste! Sein Alter Ego war der Bariton Evgueniy Alexiev. Schon von den Äußerlichkeiten her ähnlich ausgestattet, wurde er als Spiegelbild Aschenbachs in die Handlung eingeführt, hatte ständig wechselnde Rollen zu spielen und war schließlich auch die Stimme des Dionysos in Aschenbachs Traum: auch er ein absoluter Hörgenuss! Die Stimme des "Lichtgottes" Apoll hatte Britten für einen Countertenor geschrieben, und Clint van der Linde sorgte für den gefühlvollen Kontrast. Gieorgij Puchalski war die stumme Rolle des Tadzio anvertraut. Dabei musste er in mehreren Szenen die gar nicht so leichte Aufgabe erfüllen, Unbeweglichkeit (oder: Unbewegtheit?) darzustellen, und er hat sie geschickt gelöst. Regisseurin Nadja Loschky hat eine bis in die Details stimmige Aufführung mit vielen neuen Akzenten abgeliefert, von denen einige sicherlich auch im Dialog mit dem kreativen Team des Bielefelder Stadttheaters entstanden sind. Da Musik und Text nicht zur Disposition standen, wurden diese Akzente durch Bühnenbild, Ausstattung und Führung der Schauspieler über die Drehbühne gesetzt. So wurde dem Premierenpublikum wieder einmal ein vorzüglicher Opernabend geboten, der viele Anregungen zur Nachdenklichkeit enthielt.
