Lemgo (pro). Die Ukrainekrise ist kein abgeschlossenes Kapitel in der Geschichte Europas. Während hierzulande vor allem Asylthemen allgemein präsent sind, ist der Streit um die Krim, die Zerrissenheit innerhalb der ukrainischen Bevölkerung, die Entscheidung für Europa und gegen Russland oder vice versa weiterhin aktuell. Wie der Westen des Landes rund um Lemberg/Liv die Lage empfindet, berichtete Hans Christian Heinz auf Einladung der Lippischen Gesellschaft für Politik und Zeitgeschichte e.V. im Café Vielfalt.
Heinz, selbst beschäftigt am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie der Franko-Universität Lemberg, hatte im vergangenen Jahr eine Reisegruppe der Gesellschaft in "seiner" Ukraine empfangen und war nun zum Gegenbesuch angereist. Seinen Schilderungen lauschten neben Vereinsmitgliedern und Teilnehmern der Studienfahrt auch weitere am Thema interessierte Lemgoer. Die Situation sei wie zum Zeitpunkt des Besuchs der Reisegruppe "instabil, und dennoch verhältnismäßig unbeweglich", lautete das Fazit am Ende des Abends. Eine Chance sei vor allem die junge Generation. Um den politischen Konflikt zu verstehen, ist Hintergrundwissen notwendig, welches Referent Hans Christian Heinz bereitstellte: Für seine Zuhörer begab sich der gebürtige Rheinland-Pfälzer in die Tiefen der Historie und leitete die unterschiedliche Orientierung von West- und Ostukraine genau her. Durch Geschäftsbeziehungen, religiöse wie auch royale Verwebungen bestehe seit Jahrhunderten im äußeren Westen eine "Offenheit Richtung Europa". Die stärkeren Ostgebiete der Ukraine seien nach wie vor prorussisch eingestellt, dort lebe vor allem "Landbevölkerung", für junge Menschen seien Perspektiven nur im Westen oder gar im Ausland gegeben, wobei eine Rückkehr in die Heimatregion dennoch durchaus vorkomme. In der angeschlossenen Diskussions- und Fragerunde beschäftigte sich der Dialog mit der Frage, inwiefern Korruption und die immer noch vorherrschende, übermächtige Stellung der Oligarchen die Revolution im Land blockieren. Großes Interesse fand dabei ein Zitat der Lokalbevölkerung, die laut Hans Christian Heinz nicht vorhabe "beim nächsten Mal zu früh aufzugeben", und den Einsatz von Gewalt nicht mehr als letztes Mittel ansehe. Vereinsschriftführer Rolf Eickmeier erkundigte sich nach parlamentarischer Perspektive, welche Heinz jedoch persönlich als "keine" einschätzte. Die Erkenntnis, dass der Umbruch eine Generationenfrage sei, bekräftigte sich mehrfach. Beispielsweise durch Studentenaustausch erreiche man die ukrainische Jugend auf europäischer Ebene, das Interesse "sei hoch, nicht nur an Deutschland, an allen deutschsprachigen Ländern Europas."
