Oerlinghausen (kd). Seit 25 Jahren schreibt Axel Hacke mit feinsinnigem Humor eine Kolumne für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Unter dem Titel "Das kolumnistische Manifest" hat er sie in Buchform veröffentlicht. Mit diesem und vielen weiteren Werken wurde der mehrfach preisgekrönte Journalist zu einem der bekanntesten Autoren der Gegenwart. Auf Einladung der Buchhandlung Blume war er jetzt in Oerlinghausen zu Gast. Die Lesung vor mehr als 200 Zuhörern gestaltete er als Gesamtkunstwerk.
Der mächtige Ohrensessel auf der Bühne wirkt heimelig. Man stellt sich vor, der Autor sitzt daheim in München in einem ähnlichen Möbelstück und denkt sich genüsslich die nächste Geschichte aus. Genau dieses Bild bedient Hacke, als er sich seinem Publikum in der Aula des Schulzentrums zuwendet. Im lockeren, leicht ironischen Plauderton, unterstützt durch sparsame aber wirkungsvolle Gestik, berichtet er über seine Tätigkeit als Schriftsteller und provoziert einen Lacher nach dem anderen. Überhaupt geben seine eingestreuten Bemerkungen der Lesung erst die richtige Würze. Hacke, kürzlich 60 geworden, wirkt dabei wie ein distinguierter Herr, der nie seine Haltung und seinen Ernst verliert, sich aber insgeheim dennoch diebisch über seine gelungenen Formulierungen freut. Mit seinen Kolumnen wolle er überraschen. "Der Leser muss denken, damit habe ich nicht gerechnet", führt er aus. Zu diesem Zweck suche er sich solche Themen, die noch niemand zuvor aufgegriffen hat. Hat er früher noch über seinen Freund, den sprechenden Kühlschrank mit dem Namen Bosch, geschrieben, so dienen heute wahre Begebenheiten oder zufällig im Zug mitgehörte Dialoge als Ausgangsmaterial seiner Weltbetrachtungen. Wie mit einer Lupe nähert sich Hacke dann den Skurrilitäten des Alltags und spinnt sie aus. Dabei verwendet er nie ein Wort zu viel, seine Texte kommen ohne schenkelklopfende Attitüde aus. Den dahingeworfenen Satz eines "Dschungelcamp"-Mitwirkenden, die Dinosaurier seien ausgestorben, "weil sie Scheiße gebaut haben", braucht er lediglich zu zitieren, um seine philosophische Dimension zu verdeutlichen. "Wenn alle aussterben, die Scheiße gebaut haben", überlegt Hacke, "dann sind wir heute Abend eine Art Arche Noah." Seit eineinhalb Jahren befindet sich Hacke bereits auf Lesereise. Auch wenn er die Formulierungen, die er seinem Publikum mitteilt, schon ungezählte Male eingesetzt haben mag, wirken sie dennoch unverbraucht und authentisch, als wären sie ihm gerade erst eingefallen. Hacke zelebriert seine Lesung geradezu. Es gelingt ihm, wenn auch mit Mühe, die eigene Freude über die fein gesponnenen gedanklichen Ausflüge in die Welt der Sonderlichkeiten zu unterdrücken. Sicher, er greift in seinen Texten schon mal zum Stilmittel der Übertreibung. Doch wird der Gegenstand seines Interesses wie in einem fertigen Ausmalbuch durch die Kolumne erst richtig sichtbar. Die Kühlschränke waren früher noch mit einem schweren Griff versehen und abschließbar gewesen, erinnert sich Hacke. "Das ist völlig aus der Mode gekommen", sinniert er. Man könne doch heutzutage einen Chip oder besser noch einen Code verwenden, um den wertvollen Inhalt zu schützen. "Den Code braucht ja nicht jedes Familienmitglied zu wissen." Man könne bei einem Kühlschrank auch nur bestimmte Öffnungszeiten vorsehen. "Morgens zehn Minuten, mittags 15 Minuten, jeden zweiten Abend . . ." Mit großem Eifer hat sich Hacke auch dem Thema "Verhörer bei Liedtexten" gewidmet. Die Aussage erhält dann natürlich einen leicht veränderten Sinn. Aus "der weiße Nebel wunderbar" wird schon mal "der weiße Neger Wumbaba", wie der Titel eines seiner Bücher lautet. Und aus dem bekannten englischen Geburtstagssong entstand "Hebt die Bürste, juchhe!". Herbert Grönemeyer gar, so Hacke, singe mit voller Absicht so unverständlich, "weil er den Leuten nur ein paar grobe Anhaltspunkte heben will. Sie sollen sich ihre Texte selber dichten."
