Horn-Bad Meinberg (hö). Der "Heinrich-Schacht-Haus e.V." betreut in Bad Meinberg unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge (UMF) aus Syrien. Diese haben kürzlich einen Schwimmkurs im Badehaus Bad Meinberg absolviert, um bei einer Kanu-Tour mitfahren zu können. Was für einheimische Jugendliche ein Abenteuer ist, ist für einige der jungen Flüchtlinge eine Art Vergangenheitsbewältigung.
Es war augenscheinlich ein ganz normaler Schwimmkurs im Badehaus in Bad Meinberg. Doch die Teilnehmer waren allesamt unbegleitete jugendliche Flüchtlinge aus Syrien. Um an einem Kanu-Ausflug zur Mecklenburgischen Seenplatte teilzunehmen, sollten die Jugendlichen schwimmen lernen. Begleitet von Erziehern und einem Vorstandsmitglied des Heinrich-Schacht-Hauses stellen sich die Jugendlichen der Herausforderung. Das Heinrich-Schacht-Haus ist ein gemeinnütziger freier Träger der Jugendhilfe. In Wohngruppen, Intensiv- und Diagnosegruppen oder in sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften, wo ausgebildete Erzieher Kinder in ihre Familien aufnehmen, leistet der Verein Hilfestellungen für Kinder und kümmert sich um Jugendliche, die es schwerer haben als andere. Im Oktober 2015 baten das Jugendamt das Heinrich-Schacht-Haus um die Aufnahme von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen, erläutert Vorstandsmitglied Uwe Ebner den Hintergrund. In mühevoller Kleinarbeit versuchen die Sozialarbeiter und Erzieher des Vereins nun, mit den 15 bis 20 Jugendlichen der UMF-Gruppe Erlebtes aufzuarbeiten. Dabei helfen alltägliche Handlungen wie gemeinsames Kochen, der Schulbesuch, Gespräche oder eben schwimmen gehen. Schwimmmeister Dominik Goldmann muss bei den jungen Flüchtlingen noch mehr Fingerspitzengefühl aufbringen als bei heimischen Jugendlichen, die schwimmen lernen wollen. Die Schwimmregeln erhalten die Kinder in arabischer Sprache – Ziel ist das Seepferdchen-Abzeichen. Einer der Kursteilnehmer ist Ali (Name von der Redaktion geändert). Der 17-Jährige spricht mittlerweile schon recht gut Deutsch und berichtet von den Strapazen, die bereits hinter den jungen Flüchtlingen liegen: "Ich war sieben Tage von der syrischen Grenze quer durch die Türkei unterwegs bis an die Westküste der Türkei. Normalerweise dauert das 12 Stunden mit dem Bus. Die 1.200 Dollar für die Reise mit dem Schlauchboot nach Griechenland hat meine Familie zusammen gesammelt, damit wenigstens einer die Chance hat, zu überleben." Von dort brauchte er noch weitere vier Tage, teils per Fußmarsch, bis er endlich in Deutschland ankam. Derzeit absolviert Ali ein freiwilliges Praktikum in einem Kindergarten. Erzieherin Sarah Maamouri verweist auf die Lernbereitschaft der jugendlichen Flüchtlinge: "Mitunter lernen die Kinder stundenlang Deutsch mit mir." Das System macht es ihnen nicht leicht: "Wenn diese Jugendlichen 18 Jahre alt werden, fallen sie automatisch aus der Jugendhilfe", so Ebner. "Welcher einheimische 18-Jährige ist denn in der Lage, selbstständig zu leben? Und erst recht in einem fremden Land?" Ali aber hat bereits ein Ziel im Blick: Nach seinen Erlebnissen will der junge Mann nun anderen Kindern helfen und Erzieher werden. Sein Berufswunsch resultiert auch aus den Erfahrungen, die er mit Sarah Maamouri im Heinrich-Schacht-Haus gemacht hat. Dass sie ausländische Wurzeln hat, bestärkt ihn in seinem Glauben, dass auch er es hier schaffen kann.