Lemgo (nr). Es ist eine Tradition, die verloren geht. Nach jedem Monsunregen haben die Adivasi-Frauen im indischen Hazaribagh-Hochland die Lehmwände ihrer Häuser ausgebessert und bemalt. Lebendige und klare Abbilder von Tieren, Pflanzen und Ornamenten mit Farben, die Boden, Pflanzen und Dünger hergeben. Inzwischen ist ihr Lebensraum vom immer weiter voranschreitenden Kohleabbau bedroht, die Lehmhäuser bald Vergangenheit. Um die alte Tradition dennoch zu bewahren hat sich eine kleine Künstlergesellschaft gebildet, die ihre Bilder nun auf Papier bringt. Die Gossner Mission und ihr lippischer Freundeskreis laden in Kooperation mit der Kirchengemeinde St. Nicolai zum Besuch der Ausstellung ein, die am 5. Juni im Gemeindehaus St. Nicolai eröffnet wurde.
"Sie sind im besten Sinne ganz einfache Menschen", sagt Wolf-Dieter Schmelter, einst Pfarrer in St. Nicolai und spricht mit großer Achtung von den Adivasi, deren Kultur die eigentlichen indischen Wurzeln trägt. "Die Frauen der Adivasi bekommen keine Anleitungen für die Malerei. Es ist eine Fähigkeit, die von Frau zu Frau innerhalb der Familien weitergegeben wird." Die Motive und die Art der Darstellung erinnern an die Malereien der Aborigines. Dabei zeugen die Malereien der Frauen von ungeheurer Gleichmäßigkeit und exakter Linienführung. Die Motive entspringen ihrem direkten Umfeld, zeigen Tiere und in sich ruhende Ornamente. Es sind nicht die typischen Bilder, die man mit Indien in Zusammenhang bringt. Ist die Tradition der Adivasi doch wesentlich älter als die, der indogermanischen Bevölkerung, die das Land weit später besiedelte. Rund 30 Bilder konnten Wolf-Dieter Schmelter und seine Frau Aleida Happach-Schmelter nach St. Nicolai holen. Die Bilder in der Khovar-Tradition werden vor allem in der Frühlings- und Hochzeitszeit mit Kratztechnik in schwarz-weiß aufgebracht. In der Sohrai-Tradition arbeiten die Frauen zur Herbst- und Erntezeit mit vielen Erd- und Pflanzenfarben oder auch Dung. Die neuen, auf Papier entstandenen Arbeiten der Frauen sind inzwischen weltweit in Ausstellungen wie in Australien, Indien, Großbritannien, Schweden und auch in Deutschland zu sehen. "Es ist unglaublich, welche Kultur in indigenen Völkern, wie den Adivasi steckt, von der wir kaum wissen", betont Wolf-Dieter Schmelter. Der größte Teil der 80 Millionen Adivasi lebe im Norden des jüngsten indischen Bundesstaates Jharkhand. Wo ihnen das Land genommen werde, sagt Wolf-Dieter Schmelter, werden sie ihre Tradition, die Verbindung mit ihren Ahnen und ihre Identität verlieren. Für ihn und seine Frau, die innerhalb eigener Reisen nach Indien das Volk der Adivasi kennen und achten gelernt haben, bedeutet die Weitergabe der traditionellen Malereien auch ein großes Stück Achtung vor einer Volksgruppe, die in ihrem kulturellen Dasein bedroht ist. Die Ausstellung im Gemeindehaus von St. Nicolai ist noch bis zum 14. August immer sonntags von 10 bis 12 Uhr und mittwochs von 15 bis 17 Uhr zu sehen. Am morgigen Donnerstag, 9. Juni werden Jacinta Kerketta und Rubi Hemrom ab 18 Uhr im Gemeindehaus St. Nicolai lesen. Die beiden Frauen aus dem Volk der Adivasi werden Gedichte in Hindi vortragen und über ihre Kultur sprechen. Ins Deutsche übersetzen wird dies Johannes Laping.
