Kreis Lippe/Detmold (ab). Wer Schulden hat, ist oft einem immensen psychischen Druck ausgesetzt, der krank machen kann. Auch umgekehrt kann es laufen: Wer aufgrund einer Krankheit nicht mehr arbeiten kann, hat schnell deutlich weniger Geld zur Verfügung – und rutscht im schlimmsten Fall in eine Schuldenfalle. Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Pari-Sozial Lippe/Gütersloh gGmbH und des Awo-Kreisverbandes Lippe e.V. greifen dieses wichtige Thema zum Zusammenhang von Schulden und Krankheit auf.
Schlaflose Nächte, weil Miete und Strom nicht mehr bezahlt werden können; der tägliche Gang zum Briefkasten wird zur Qual, weil er mit Mahnungen voll ist. Hinzu kommt die Angst, dass beim nächsten Klingeln (mal wieder) der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Wer Schulden hat, isoliert sich häufig sozial, weil kein Geld für Freizeitaktivitäten da ist. Kurz: Der psychische Druck ist sehr hoch und führt nicht selten zu Depressionen – ein Krankheitsbild, das in der Praxis der Schuldnerberatungsstellen oft anzutreffen sei. Schulden durch Krankheit Wer aufgrund einer Krankheit aus dem Berufsleben gerissen wird, muss mit deutlich weniger Geld auskommen. Plötzlich können die Raten fürs Haus oder der Kredit fürs Auto nicht mehr bezahlt werden. Seit dem Jahr 2000 ist das Berufsunfähigkeitsrisiko nicht mehr durch das gesetzliche Sozialversicherungssystem abgesichert. Wer nicht mehr arbeiten kann, rutscht damit schnell ins Arbeitslosengeld 2. Über 10 Prozent der Fälle in der Schuldnerberatung drehen sich um die Erwerbsminderungsrente. Die Dunkelziffer liege deutlich höher, schätzt Hans-Jürgen Springer (PariSozial). Häufig wird den Betroffenen attestiert, dass sie noch bestimmte einfache Tätigkeiten ausführen können, also theoretisch noch erwerbsfähig sind – als Pförtner beispielsweise. Faktisch haben sie aber kaum eine Chance, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden, "so viele Pförtner brauchen wir nicht", sagt Springer. Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung können sich viele Arbeitnehmer nicht leisten, weiß Westerkamp. Zudem erfüllt nicht jeder die körperlichen Anforderungen dafür. So ergeben sich im Falle der Berufsunfähigkeit massive finanzielle Einbußen – auch wenn man vorher kein Leben in Saus und Braus gelebt hat, sagt Janina Blatter-Kindsgrab. Treffen könne es jeden jederzeit, mahnt Sabine Graf. Nicht nur Unfälle führen zur Erwerbsunfähigkeit. Steigender Stress in der Arbeitswelt und Mobbing, die Depressionen erzeugen, gehören zu den häufigsten Ursachen, so Graf weiter. Hier sei auch die Behandlung schwieriger. Ein Beinbruch heilt wieder, bei psychischen Erkrankungen könne man das oft nicht sagen. "Was die Schulden anbelangt, können wir helfen", sagt Westerkamp. Doch Schulden sind für viele Betroffene ein Tabuthema. Viel zu selten nehmen sie frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch; oftmals aus Scham. "Die Hemmschwelle, in eine Schuldenberatung zu gehen, ist hoch", meint Hansjörg Hilker (Awo Lippe). Viele retten sich über Jahre, durchschnittlich dauere es rund 5 Jahre, bis Betroffene eine Schuldenberatung aufsuchen. Angst spielt hier eine große Rolle. Etwa davor, ins Gefängnis zu müssen. Für Verunsicherung und Angst sorgen entsprechende Mahnschreiben von Gläubigern und Inkassobüros, in denen Begriffe wie "Haft" dick hervorgehoben sind. "Niemand muss ins Gefängnis, weil er Schulden hat", betont Hilker. "Schulden könne Sie nicht heiraten" Jede Schuldenberatung läuft individuell. Einen guten Einstieg bieten die offenen Sprechstunden von Pari-Sozial und Awo. Dabei wird auch geprüft, ob der Schuldner möglicherweise Ansprüche auf zusätzliche Mittel hat, die noch, die noch nicht realisiert wurden. Es gebe Pfändungsfreigrenzen, "der Gesetzgeber schützt auch Schuldner", erläutert Blattner-Kindsgrab. Grundsätzlich haftet derjenige, der einen Vertrag unterschrieben hat, "Schulden können Sie nicht heiraten"!, betont Springer. Ehepartner seien meist nur in soweit betroffen, als sie für ihren Partner unterhaltspflichtig sind. Ein Privatinsolvenzverfahren läuft rund 6 Jahre, danach wird die Restschuldbefreiung erteilt. Dafür müssen allerdings Auflagen erfüllt werden. Die Schuldner müssen sich eine Arbeit suchen und dafür zwei bis drei Bewerbungen pro Woche losschicken. Dann wird ein Teil des Lohns abgezogen, um damit die Ansprüche der Gläubiger zu bezahlen. Derzeit wenden sich jährlich je rund 700 bis 800 Menschen an die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen von PariSozial und Awo. Telefonische Beratung am Donnerstag Am Donnerstag, 9. Juni, von 8 bis 16 Uhr stehen die Mitarbeiter für telefonische Beratungen bereit. Damit beteiligen sich beide Beratungsstellen an der bundesweiten Aktionswoche der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) vom 6 bis 10. Juni zum Thema "Schulden machen krank – Krankheit macht Schulden". Die Rufnummern lauten: (05231) 313 48 (Pari-Sozial) und (05261) 660 727 0 (Awo).
