Lügde (afk). Das war schon eine besondere Reise, die das Blasorchester der Stadt Lügde im vollbesetzten Schützenhaus mit seinem Publikum zumindest musikalisch unternahm: "Go West" hieß es schon einmal, jetzt machte man sich in die Gegenrichtung auf: "Musikalische Faszinationen aus Puszta, Taiga und fernen Ländern", stand als Motto über dem zweistündigen Programm mit 13 Titeln, von denen allein elf völlig neu extra für dieses Konzert von den 40 Musikerinnen und Musikern einstudiert worden waren.
Das Orchester hatte nicht zu viel versprochen, denn faszinierend und anspruchsvoll waren die vom musikalischen Leiter Jörn Diekmann ausgewählten Stücke allemal. Seit Jahresbeginn hatten sich die Feierabendmusiker auf diesen Auftritt vorbereitet, der für fast jeden Musikgeschmack auch etwas enthielt vom Marsch über die volkstümliche Blasmusik, über die Klassik bis hin zum Pop. Im Gegensatz zur volkstümlichen Blasmusik umfasst die sinfonische Blasmusik wie sie auch das Blasorchester Lügde pflegt, alle Musikgattungen und Stilrichtungen. Das hatte Diekmann bei seiner Titelauswahl natürlich bedacht und gab den Blasinstrumenten von Klarinette bis zur Tuba im Programm reichlich Gelegenheit von zart bis hart zu zeigen, was ihre Spieler zu leisten vermögen. Und das war durchaus hörenswert, wenn zum Beispiel der normalerweise vierhändig am Klavier gespielte Ungarische Tanz No. 5 von Johannes Brahms, ein Ohrwurm der Klassik, im Arrangement für ein Blasorchester umgesetzt wird. Präzise erklang dieses Stück ebenso wie die naturgegebenen charakteristischen Eigenheiten der Puszta mit weichen, aber auch galoppierenden Rhythmen in der "Kleine Ungarische Rhapsodie" musikalisch fein herausgearbeitet wurden. Geografisch arbeitete sich der Orchester vom fernöstlichen Singapur über Russland, Ungarn, Slowenien, die Slowakei, Tschechien, Österreich führte die Tour bis zum Schluss nach Kiel. Da Kiel schien da nicht so richtig ins Motto-Konzert zu passen. Bei der zweiten Zugabe, dem Marsch "Gruß an Kiel", musste dann schon, eine "geschraubte" Erklärung herhalten: Kiel liege bekanntlich an der "Ost"-See, schmunzelte Diekmann, der sich die humorvollen und informativen Zwischenmoderation mit Kerstin Krantz teilte. Diese kleinen Pausen brauchte das Orchester denn auch, denn das zweistündige Programm war durchaus anstrengend und forderte den Instrumentalisten einiges ab. Mit der Elbrinxerin Anke Siefert stellte sich bei diesem Frühjahrskonzert erstmals nicht nur eine neue Flötistin sondern auch eine Dirigentin vor, die selbst Musiklehrerin ist und bereits in vielen Orchestern der Bundeswehr und der Bundespolizei auch international im Einsatz war. Sie übernahm die musikalische Leitung in zwei Stücken und gab Jörn Diekmann damit Gelegenheit den Taktstock gegen ein Instrument zu tauschen. Erstmals stellte sich auch mit zwei Stücken die 2015 gegründete Erwachsenen-Bläserklasse unter der Leitung von Matan David vor. Unterstützt von Orchestermitgliedern hatte sie ihren umjubelten von einiger Nervosität im Vorfeld begleiteten Premierenauftritt. Auch neue Instrumente hielten bei diesem Konzert beim Blasorchester Einzug: Thomas Reker hatte das Xylophon spielen gelernt und bewegte die Schlegel im an die russische Nationalhymne angelehnten "Glasnost" und vor allem beim grandiosen "Pops in the Spots" schnell und zielsicher über die hölzernen Klangstäbe. Sein Kollege aus dem Schlagwerk- Register, Dirk Hecker, imitierte das kalte Schlaggeräusch mit Hammer und Amboss im Stück "Die lustige Dorfschmiede". Zu einem Blaskonzert gehörte natürlich auch die klassische Blasmusik aus Oberkrain. Die Fans der populären Blasmusik kamen beim "Es ist so schön ein Musikant zu sein" voll auf ihre Kosten. Am Ende gab’s diesmal als Zugaben das melodiöse "Amazing Grace", bevor die Reise mit dem bekannten Marsch in Kiel unter großem Beifall des Publikums endete. Das Konzert litt allerdings unter einer unangenehmen Dauergeräuschkulisse, die sich durch die während der Musik stattfindende laute Unterhaltung in den hinteren Reihen und umfallende Gläser und Flaschen bei der Bewirtung nicht unbedingt förderlich auf den Musikgenuss auswirkte. Es war ein vermeidbarer Störfaktor und auch eine Missachtung der wieder hervorragenden, konzentrierten Vorstellung des Blasorchesters, das sich top vorbereitet seinen Fans präsentierte!
