Detmold (vfc). Auf den ersten Blick sind sie nur schön. Fast glatt in ihrer Perfektion, die Malereien von Christian Brandl, die derzeit die Lippische Gesellschaft für Kunst (LGfK) im Detmolder Schloss ausstellt. Wollte man Brandls Malereien kategorisieren, ließe sich die Schublade der Neuen Leipziger Schule öffnen. Brandl, geboren 1970 in Erfurt, studierte an der Leipziger Hochschule bei Arno Rink. Seine Bilder in stark kontrastierenden Farben zeigen Personen in realistischen Alltagsszenen. Die Farboberfläche ist glatt; oberflächlich, fast banal der abgebildete Inhalt. Akkurat gekleidete Personen im Anzug oder Kostüm vor farbigen Tapeten, aufgeräumten Interieurs, Berglandschaften, Damen mit spießbürgerlicher Zimmerpflanze, Herren lässig mit Zigarette in der Hand. Ein wenig 60er-Jahre-Flair ist den Szenen eingehaucht. Die Figuren sind Abbilder einer Jackie Onassis oder eines Cary Grant, einem Film von Hitchcock entsprungen.
Soweit so gut, so gängig. Es lohnt hier ein zweiter Blick auf Brandls Malereien. Dann offenbaren sie ihre Geheimnisse und Tiefgründigkeit. Denn unter der Oberfläche der Perfektion gibt es weitaus mehr zu sichten und die Etikettierung der Brandlschen Bilder wird hinfällig. Beim zweiten Blick fällt auf: Die Figuren stehen wie auf der Theaterbühne in einer Kulisse. Wie Pappmascheewände sind die Türen, Wände, sogar die Berglandschaften herbeigestellt. Perspektivisch wird kein dreidimensionaler Raum beschrieben, vielmehr bleibt alles in einer Zweidimensionalität. Wie der Blick in eine Guckkastenbühne. Innerhalb dieser Kulissenlandschaft stehen die Personen wie in einem Filmausschnitt bzw. einem Standbild. Die "Stills" zeigen eingefrorenen Momente und ihre Geheimnisse. Denn Brandl plaudert das Geheimnis um die jeweilige Szene nicht aus, noch erzählt er deren Geschichte zu Ende. Es bleiben unerzählte Geschichten. Brandl gibt dem Betrachter kein Skript. Das Fortzuspinnen ist Aufgabe des Betrachters, der dadurch zum Regisseur der Szene wird und seine eigene zum Bild zugehörige Geschichte verfassen kann. Alfred Hitchcock gilt als Meister dieses Effektes, des "Suspense". Der Zuschauer ist weitaus besser informiert, weiß mehr über die Szene als der Handelnde selbst. Allerdings führen Brandls gemalte Szenen nicht direkt in die filmische Traumfabrik. Er bildet keinen Traum ab, sondern lässt den Betrachter seinen eigenen Traum im Hinblick auf das Bild weiterspinnen. Hierin liegt die Qualität der Brandel’schen Bilder. In der Freiheit der Interpretation. Brandl inszeniert Momente. Doch die heile Welt, die die Bilder auf den ersten Blick suggerieren, ist Fassade. Die Figuren befinden sich in einer hochglanzpolierten Kulisse. Ihre Kleidung ist ein Bühnenkostüm, akkurat und einschnürend wie ein Korsett. Es lässt sie in einer Starre verharren. Selbst die Natur ist dem Diktat der perfekten Ordnung unterworfen. Allerdings scheinen die Figuren mit dieser Situation unzufrieden. Das verrät ihr Gesichtsausruck, der teilweise emotionslos, teilweise kalt oder gar verschlossen ist. Sie schauen ins Leere. Sie sind allein und wenn sie gemeinsam stehen, dann geht ihr Blick an dem Partner vorbei. Über die Mimik manifestiert sich die innere Haltung der Figur gegenüber seiner bis zur Perfektion getriebenen Welt. Man(n und Frau) bewahren hierin stets Haltung. Sie haben ihre Welt und sich selbst im Griff. In ihrer inneren Gefühlswelt aber sind sie unglücklich über diesen isolierten Zustand. Nach außen hin, auf den ersten Blick, scheint also alles perfekt. Doch die Figuren scheitern. Die Seele lässt sich gerade nicht auf Hochglanz polieren. Das zeigen Brandls Bilder unerbittlich. Sie lassen den Betrachter so einiges an Selbstverständlichkeiten überdenken: In einer Zeit von Optimierungs-Apps und einem auf Perfektion ausgerichteten Leben, sind wir dabei, unsere Zeit mit Oberflächlichem zu vergeuden. Mit dem schönen Schein; der perfekten Oberfläche. Darüber hat der Mensch sich selbst, seine Mitmenschen und den Einklang mit der Natur verloren. Brandls Bilder versuchen die innere Verfasstheit und das Leid über diesen Zustand einzufangen. Der schöne Schein ist trügerisch. Nichts ist so wie es auf den ersten Blick scheint. Das gilt für die Malerei von Christian Brandl ebenso wie für die reale Welt.
