Lemgo (pro). Andächtig lauschen fast 100 Zuschauer mit nachdenklich zur Seite geneigten Köpfen den sanften Tönen, die Dota Kehr ihrer Akustikgitarre entlockt. Dazu singt sie von den Absurditäten der "gemachten Welt", von Feen, die Kreditkarten in Spielhöllen glühen lassen, und dass Geld generell den Charakter verdirbt. Auch die Liebe findet hier und da Einlass in Songs.
Die Berliner Musikerin, Kennern auch mit dem Zusatz "Kleingeldprinzessin" ein Begriff, eröffnete auf Einladung der Karla-Raveh-Gesamtschule und insbesondere durch die Initiative von Musik- und Deutschlehrer Philipp Schmidt-Rhaesa die Konzertreihe "Musik im Forum". Zur Unterstützung an der E-Gitarre hatte sich die Künstlerin ihren Co-Musiker Jan Rohrbach mitgebracht, während der Rest der Band vor dem aktuellen Tourslot und dem ersten Bandkonzert in Bielefeld noch einen Tag frei hatte. "Nach dem heutigen Abend wird es fünfzig neue Dota-Fans geben – mindestens!", versprach Schmidt-Rhaesa zu Beginn des Konzerts. Damit hat er wahrscheinlich Recht behalten: Beeindruckend still verhält sich die Zuhörerriege während der zum Nachdenken anregenden Lieder, und begleitet nach Anleitung ebenso passgenau heitere und energiegeladene Episoden schnipsend "auf zwei und vier", wie Dota Kehr den Rhythmus vorgab. Das aktuelle Werk "Keine Gefahr" datiert aus dem letzten Januar, ihr erstes Album veröffentlichte sie 2003, es existieren weitere Solo- wie Bandplatten auf denen die Gruppe sich noch das Synonym "die Stadtpiraten" verpasste, und so spielen sich Kehr und Rohrbach bunt durch die Jahre. Ihr herausragendes Erkennungsmerkmal hat Dota Kehr im Zusammenspiel von Melodie und Inhalt. Fließende, unaufdringliche Tonfolgen verleiten zum Wegträumen, während Lichtreflektionen vom metallenen Beschlag der E-Gitarre an den Seitenwänden des Forums tanzen, schillernd wie das Spiel mit der Sprache, das sich parallel auf der Bühne abspielt. Immer wieder nehmen die Geschichten plötzliche Wendungen, Herzschmerz-Reime sucht man vergeblich. Den politischen Einschlag der Texte honoriert das Lemgoer Publikum, im Alter über drei Generationen gestreut, mit zustimmendem Szenenapplaus. "Utopie" hat mit Zeilen wie "Ich habe viel zu viel Ärger – und viel zu wenig Wut" Potenzial zum Protestsong, widersteht jedoch dem gehobenen Zeigefinger – was den Liedern der Künstlerin generell eigen ist. Gesellschaftskritik transformiert sich in mehrschichtige Sprachbilder, die ambivalent nachdenklich machen und die Fantasie des Hörers anregen: So ist es nicht verwunderlich, dass am Ende des Abends CDs und weitere musikalische Artikel interessiert begutachtet werden und anschließend den Besitzer wechseln. Damit bleibt zu hoffen, dass dieser erste nicht der letzte Besuch der Liedermacherin in Lemgo war und weitere folgen werden.
