1. Landwirtschaft in schwierigen Zeiten

    Bauern stecken in tiefer Krise – Preisverfall bedroht Existenzen

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    Kreis Lippe. "Die landwirtschaftlichen Betriebe geraten immer stärker in eine existenzgefährdende Situation. Die aktuellen Trinkmilchabschlüsse der Molkereien mit dem Lebensmitteleinzelhandel bedeuten einen weiteren drastischen Rückgang des Milcherzeugerpreises. Die derzeitige wirtschaftliche Situation auf den Höfen ist besorgniserregend, teilweise existenzbedrohend. Landwirte denken an Betriebsaufgabe. Mögliche Hofnachfolger sind verunsichert. Hat Landwirtschaft Zukunft? Der Vorsitzende des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins Dieter Hagedorn versucht in einem Interview die teilweise ernste Situation auf den Höfen zu erklären. ? Wie stellt sich die aktuelle Lage auf vielen Höfen in der Region dar. Hagedorn: Die wirtschaftliche Lage unser Betriebe ist äußerst angespannt. Das Preistief am Milch- und Schweinemarkt sowie wegbrechende Absatzmärkte bringen die Höfe derzeit an den Rand ihrer Existenz. Milchvieh- und Schweinehalter kennen über einen zu langen Zeitraum fast nur die Tendenz nach unten, auch im Ackerbau läuft es nicht rund. Die Wertschöpfungsverluste summieren sich mittlerweile auf mehrere Milliarden Euro. Allein mit ihren unternehmerischen Entscheidungen können wir Bauernfamilien die aktuellen Probleme nicht mehr überwinden. Die finanzielle Situation spitzt sich dramatisch zu, es geht an die Substanz. Wir befürchten Strukturbrüche. Die Landwirte haben mit Tiefstpreisen für ihre Erzeugnisse zu kämpfen, werden aber immer wieder mit neuen Anforderungen konfrontiert. Dass sich die Preise immer mal wieder verbessern und verschlechtern, ist natürlich nichts Neues. Allerdings werden die schlechten Perioden immer länger, zumal die Kosten wegen der steigenden Umwelt- und Tierhaltungsanforderungen zunehmen. ? Was sind die Ursachen für die dramatische Preismisere. Die Markt- und Preiskrise auf fast allen Agrarmärkten hat ihre Ursachen in politischen Entscheidungen und in wirtschafts- wie marktpolitischen Entwicklungen. Kaufkraftverluste in erdölexportierenden Golfstaaten, die ein Drittel der weltweit gehandelten Milchprodukte importierten, rückläufige Importe seitens China und das Importembargo Russlands als einem der wichtigen Importeure insbesondere von deutschem Käse sind für eine geringere Nachfrage nach Milchprodukten bei hohem Angebot verantwortlich. Seit 2014 ist das Milchaufkommen weltweit stabil hoch, insbesondere durch Neuseeland, Australien, den USA und auch durch die Europäische Union (EU). In der EU hat es Produktionssteigerungen in Irland, den Niederlanden, Polen und Dänemark gegeben. Deutschland hat die Milchmenge moderat gesteigert. ? Was macht den Bauern weiter zu schaffen. Ein Problem ist auch die Struktur des Marktes, die fortschreitende Konzentration im Lebensmittelhandel (LEH). Die großen Supermarktketten diktieren ihren Lieferanten und damit auch uns Bauern mehr oder weniger die Preise vor. Die Einkäufer des Lebensmitteleinzelhandels sehen wohl ihre "Nachhaltigkeit" darin, Nahrungsmittel unter Erstellungskosten einzukaufen. So sieht keine langfristige Strategie eines verantwortlichen "Lebensmittel"-Händlers aus. Wenn der Handel regionale und gesunde Lebensmittel anpreist und sich selbst als nachhaltig darstellt, so kann dies in diesen Zusammenhang nur ein Lippenbekenntnis sein. Ähnlich dem Verhalten bei der bundesweit gelobten Initiative Tierwohl, das durch kaufmännisches Kalkül behindert wird. Darüber hinaus verlangt der LEH von uns ständig neue Anstrengungen bei der Umsetzung strengerer Nachhaltigkeitsstandards – ohne die dadurch entstehenden höheren Erzeugerkosten auszugleichen. ? Was kann getan werden und welche Ziele verfolgt der Verband. Was kurzfristig helfen kann, um möglichst viele durch das Tal zu bekommen, sind Liquiditätshilfen und Bürgschaften sowie eine über das Jahr 2016 hinausgehende Anhebung der Bundeszuschüsse zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung für 2017 und 2018. In der derzeitigen Situation sind außerdem Erleichterungen im Steuerrecht das Gebot der Stunde, da die Betriebe nach den Einkommen vergangener Jahre veranlagt werden. Wir fordern einen jährlichen Freibetrag zur betrieblichen Schuldentilgung. Langfristig sollte auch über eine steuerfreie Risikorücklage nachgedacht werden, nicht nur in der Landwirtschaft. Dies würde auch kleineren Handwerksbetrieben helfen. Das jetzige Steuerrecht fördert nur die Investition in starken Jahren, lähmt aber die Risikovorsorge, die voll besteuert wird. Auch mit Entlastungen bei der Besteuerung des Agrardiesels kann die Bundesregierung den Betrieben helfen. In Deutschland liegt der Steuersatz deutlich über dem Niveau anderer europäischer Länder. Eine Entlastung der Landwirte kann auch die Politik durch Verzicht ständig neuer kostentreibender Vorschriften im Bau-, Natur- oder Umweltrecht erreichen. Jede zusätzliche Auflage kostet unsere Bauern Geld, das derzeit nicht da ist. Wir sind gerne bereit, auf hohen Niveau zu erzeugen, dies muss aber wirtschaftlich machbar sein. Langfristig muss bei allen Parteien, inklusive Verarbeitern und Lebensmitteleinzelhandel, ein Bewusstsein da sein, den Wert unserer Lebensmittel anzuerkennen, damit Landwirtschaft in Deutschland weiterhin existieren kann.

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