Lügde (afk). Im Fernsehen ist sie gefragter Gast bei "Die Anstalt" im ZDF, bei den "Mitternachtsspitzen" des WDR, "Ottis Schlachthof" von Bayern 3 oder "Spätschicht" des SWR. "Aber die Bühne, auf der ich zwei Stunden so lange reden kann, wie ich will, ist mir am liebsten", gesteht der blonde Vulkan aus Thüringen, Simone Solga ("Großes S und kleine olga") dem Publikum im vollbesetzten Klostersaal. Das ist nach über zwei Stunden Dauerfeuer begeistert, aber nahezu erschlagen, denn das Zugabe-Angebot von ihr ("Worüber sollen wir noch reden?") verhallt an diesem Abend unbeantwortet.
Die zierliche Simone Solga hat es wahrlich in sich: Mit einem ungeheuren Tempo haut die 52-Jährige ihre Pointen raus. Und nicht nur die Quantität, auch die Qualität stimmt. Ob zu tagesaktuellen Themen wie dem Türkei-EU-Abkommen ("Merkel hat die Deutschen zur Ziege Erdogans gemacht"), dem Rücktritt des türkischen Ministerpräsidenten oder der Tod Margot Honneckers ("89 war für sie keine gute Zahl"), die Dauerbrenner wie das Flüchtlingsdrama ("Die Toleranz wächst mit der Entfernung zum Problem"), die Griechenlandkrise oder die AfD – Solgas Salven sind scharfzüngig, frech und charmant. Die gelernte Schauspielerin und Kabarettistin in der "Leipziger Pfeffermühle" und der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" steuert in ihrem vierten Soloprogramm in atemberaubendem Sprachtempo durch die bundesdeutsche Politikszene und die Niederungen der Gesellschaft. Dabei leuchtet sie in sämtliche Ecken und Winkel der Gesellschaft, um etwaige Missstände schonungslos ans Licht zu zerren. NSA-Abhörskandal oder der schlechte Zustand der deutschen Straßen ("Ich dachte nach der DDR gehörten Schlaglöcher der Vergangenheit an") sind brandaktuelle Themen. Als die von ihr 2005 geschaffene Figur der "Kanzlerinsouffleuse und engste Vertraute Merkels" ist sie mit ihrem neuen Programm "Im Auftrag der Kanzlerin" mittendrin im aktuellen Geschehen und ganz eng dran an der mächtigsten Frau der Welt, die sie allerdings nicht immer in ihren Entscheidungen versteht. Sie hat für Merkel die Raute erfunden ("als Zeichen, wer ein Arschloch ist"), sie hat das schönste Büro im Kanzleramt, "bittet Merkel zum Zitat" und misst ihrer Aufgabe Bedeutung zu: "Ich bin die Pille von Angela Merkel, weil ich Schlimmeres verhüte." Merkels "Wir schaffen das" eskaliere spätestens da an Grenzen, wenn alle einen Telekom-Anschluss beantragten, erwartet sie und befürchtet schon eine neue Flüchtlingswelle, wenn Trump in den USA Präsident werde. Der Rassismus sei schon in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, sagt sie und gibt die Beobachtung ihrer Mutter beim Anblick eines Neo-Nazis wieder: "Ist das nicht schlimm – erst die Chemo und dann noch die orthopädischen Schuhe?" Die ließen sich das "Sieg Heil" auf ihre Glatzen schreiben, damit sie bei der nächsten Demo den Text nicht vergessen, vermutet Solga. Natürlich ist es einfach, mit Politikern aller Couleur einen Kabarettabend zu bestreiten. Aber nur wenige können es mit der Qualität von Solga, deren durchinszeniertes Programm mit aktuellen Bezügen nur so protzt. Die Grünen mit ihrer "farblosen Doppelspitze" Peter/Hofreiter kriegen es von ihr ebenso ab wie die SPD ("Ihre letzten Erfolge stammen aus der Kreidezeit") und Sigmar Gabriel, Lothar de Maizière, Ursula von der Leyen oder "der Alpen-Taliban" Seehofer. Wer Merkels Nachfolge in der CDU antreten könne? "Der Schäuble pumpt schon die Reifen auf", hat sie festgestellt. Bundespräsident Gaucks Lieblingsthema "Freiheit" nimmt sie aufs Korn und empfiehlt bei jeder Erwähnung dieses Begriffs in seinen Reden jeweils einen Kümmerling zu schlürfen. Solgas Erfahrung: "Sie schließen keine Rede unter vier Promille." Simone Solga ernennt Andreas an diesem Abend zum "Fragenbeauftragten", der in der Pause anfallende Themen an sie weitergeben soll. Ihr Alter Ego, ihre Fahrerin Sandra Stockmann, lässt sie in bestem Sächsisch zu Wort kommen, wenn diese in ihrem ehrenamtlichen Engagement Flüchtlinge in Bautzen begrüßt und mit dialektfreiem Deutsch mit deutschen Eigenheiten vertraut macht. Ihre schauspielerischen Qualitäten stellt sie unter Beweis, wenn sie atemlos durch dreißig Fernsehkanäle zappt oder mephistophelisch säuselt: "Ihr seid ein Teil von jener Kraft, die heute dies verspricht und morgen nicht mal jenes schafft." So geht das mehr als zwei Stunden nonstop nur mit gezielt inszenierten Kunstpausen mit enormer schauspielerischer Wucht. Simone Solga hat die Begabung, zum Nachdenken anzuregen, sich auch mit schmerzlichen Dingen auseinanderzusetzen und aus dem Ganzen eine gute Satire, ein gutes Kabarettstück zu machen. Dass ihr Programm trotz Politikverdrossenheit funktioniert, liegt an ihrem etwas anders gewählten Blickwinkel. Sie fährt nicht die Schiene "weniger Inhalt, mehr Blödelei" oder "weniger Kabarett, mehr Comedy", sondern fesselt ihr Publikum mit intelligent gestrickter Wortakrobatik Simone Solga schafft es, dem Genre eine neue, frische Note zu verpassen. Der Klostersaal in Lügde sah zum Abschluss der Kultur-im-Kloster-Spielzeit 2015/16 eine, nein, die derzeit vielseitigste, handwerklich versierteste und schlicht beste politische Kabarettistin in Deutschland!
