1. Drama in konzentrierter Form

    "Dantons Tod"– Premiere im Landestheater Detmold

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    Detmold (rh). Um es vorwegzunehmen: Wer Georg Büchners Stück auf zehn Rollen zusammenstreicht und ohne Pause durchspielen lässt, ist mutig. Die Szenen, in denen die Nebenrollen für turbulentes Leben auf der Bühne sorgen, müssen dann beinahe zwangsläufig fehlen. Und der Jakobinerclub muss ohne die wichtigen Figuren des Legendre und des Collot d’Herbois auskommen. Das lässt sich sicher mit einer Konzentration auf das Wesentliche begründen, insbesondere auf die Rollen des Robespierre, der für die Gleichheit steht und auch persönliche Bescheidenheit, und des Danton, dem die persönliche Freiheit wichtig ist und der die Ziele der Revolution im Frühjahr 1794 eigentlich für erreicht ansieht. Ihr Dialog in der 6. Szene des 1. Aktes ist ein Höhepunkt der Aufführung. Danton, überzeugend verkörpert durch Markus Hottgenroth, wirbt für ein Leben in Freiheit mit Genuss, Robespierre (Hartmut Jonas) möchte in persönlicher Bescheidenheit die Revolution fortführen. In schlichtes Schwarz gekleidet, strahlt er als Revolutionsführer Eiseskälte aus und lässt doch auf subtile Weise im Dialog kleine Unsicherheiten in seinem Seelenleben durchblicken. St. Just (Adrian Thomser) bestärkt ihn aber im weiteren Verlauf der Handlung in seiner Unerbittlichkeit und liefert ihm als Denunziant die Handhabe, Danton auszuschalten.

    Aber wo bleibt das Volk, das sich zwischen den widerstreitenden Prinzipien entscheiden muss? Die Dramaturgie nimmt das Publikum in einer vorgeschalteten Szene dafür in Anspruch, indem sie fünf der Akteure in den hell erleuchteten Saal sprechen lässt: "Sie spielen nicht mit, Ihnen wird mitgespielt!" Dies war auf dem Hintergrund einer die ganze Höhe der Bühne ausfüllenden Trikolore kein ungeschickter Einstieg. Damit war denn aber auch schon zugleich das Bühnenbild für die erste Hälfte der Aufführung festgelegt. Die Farben der Revolution fanden sich auch auf dem Hosenanzug – ein echter Hingucker! - des Rechtsanwaltes Marie-Jean Hérault-Seychelles wieder. Warum diese durch eine Frau dargestellte Figur dann mit glimmender Zigarette fast während der ganzen Aufführung präsent war, obwohl sie bei Büchner nur in der jeweils ersten Szene des 1. und 3. Aktes von Bedeutung ist, blieb undeutlich; Marie-Luise Kerkhoff freilich ließ erkennen, dass sie zu weitaus mehr befähigt ist als ihr mit dieser Rolle ermöglicht wurde. Als sich dann die Schreckensherrschaft durchsetzte, fiel die Trikolore, die gleichsam als Symbol für eine auf das Gesetz gegründete Republik aufgefasst werden konnte, auf die Bühne, und das, nachdem ein Teil des Ensembles einen englischsprachigen Song intoniert hatte, der von Liebe bis zum Tod und einem Wiedersehen im Himmel handelte. Wie unpassend für ein Stück über die Französische Revolution! Danach fand man die Tricolore im Kleinstformat auf der Bühne wieder, wo sie Assoziationen an die Guillotine evozierte, während Danton zu seinem ausdrucksstarken Monolog ansetzte, mit der Quintessenz: "Sie werden es nicht wagen!" Doch nach einem unfairen Verfahren - seine Verteidigung wird durch Klingeln übertönt - landete er recht schnell im Gefängnis (dem Palais Luxembourg), symbolisiert durch einige Stahlstangen. Hier wird der Beginn des dritten Aktes erkennbar, in dem sich Danton mit seinen Anhängern Desmoulins (Lukas Schrenk), Mercier (Ricardo Koppe), Philippeau (Robert Oschmann) und Hérault-Séchelles (Marie-Luise Kerkhoff) sich über politische und philosophische Grundfragen austauscht. Auf den für die Gesprächsrunde nicht unwichtigen Payne hat man freilich verzichtet. Dann kommen sie vor das Revolutionstribunal, dessen Vorsitz - anders als bei Büchner - Simon übertragen wird. Henry Klinder überzeichnet diese Rolle etwas, sodass sie kurz vor dem Abgleiten ins Komödiantenhafte steht. Ansonsten hat er zusammen mit seiner Frau (Karoline Stegemann) die schwierige Aufgabe, stellvertretend für die vielen bei Büchner vorhandenen Nebenrollen auf der Bühne zu stehen, angemessen gelöst. Stegemann spielt auch die Dirne Marion, bei der Danton Genuss und Erfüllung sucht, charmant und nur ein ganz klein wenig ordinär. Überhaupt haben Dramaturgie (Christian Katzschmann) und Regie (Martin Pfaff) auf manche Derbheiten verzichtet. So rollen denn auch zum Schluss nicht die Karren über die Bühne, nein das Ende wird durch einen längeren Monolog von Julie (Stephanie Pardula), Dantons Frau, markiert. Das entspricht der über die ganzen zwei Stunden immer wieder erkennbaren Intention, das Publikum für faire Gerichtsverfahren und gegen aufkeimende Diktatur zu sensibilisieren. Spätestens, als St. Just Danton mit dem Satz: "Sie sind ein schäbiger Lump!" anschreit, ist auch der braune Volksgerichtshof präsent. Zusammengefasst: Dem Premierenpublikum wurde ein zeitlos aktuelles Stück in sehr konzentrierter Form geboten, mit einem überragenden Markus Hottgenroth in der Titelrolle. Doch hat es etliches vom Zeitkolorit der Französischen Revolution verloren, mit dem es Büchner ausgestattet hatte. Die Trikolore als Bühnenbild konnte dieses nicht ersetzen. Und die Schauspieler waren doch zumeist sehr statisch platziert, Bewegung auf der Bühne war Mangelware. Diente das ebenso wie die minimalistische Bühnenausstattung der Konzentration auf das gesprochene Wort, von der nichts ablenken sollte? In jedem Falle bietet "Dantons Tod" ergiebigen Gesprächsstoff, im Original ebenso wie in der Fassung Detmold 2016. Im Namen der Republik!

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