Lemgo (nr). "Lemgo, ihr müsst ein ‚Bewuztsein’ für die Welt entwickeln." Paul Panzer ist schräger Stadtneurotiker, frecher Spießbürger und schonungsloser Beobachter einer immer verrückter werdenden Welt. Die nimmt er gerne bissig, schonungslos ehrlich und auch mal bitterböse aufs Korn. Die über 3.000 Fans in der Lipperlandhalle kamen zur "Invasion der Verrückten" am vergangenen Sonntag jedenfalls voll auf ihre Kosten – Tränenlachen inklusive.
Der wandelnde, aber inkonsequente Sprachfehler obduzierte und zensierte alles, was ihm unter seine Nerd-Hornbrille und vor sein organgenes Blumenhemd kam: Nachbars Testosteron gesteuerten Nachwuchs, dessen nächtliche Partys die Ausmaße einer Olympischen Eröffnungsfeier annehmen; Fernsehjunkies und deren seltsame Hautirritationen, die von den Abdrücken des Sofas herrühren; zweifelhafte Werbung mit Wurst im Sack; Veganer, die ohnehin nicht von dieser Welt sind und der "Schmuuzie" und "Frozten Joghurt" liebende Dauer-Yogi-Freund seiner Tochter. Ganz fies findet er unter Wahnvorstellungen leidende Angsthasen. Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. "Ich sage nur Anatidaephobiker", prustet er los. "Das sind Menschen, die Angst davor haben, von Enten beobachtet zu werden. Ehrlich." Solche "Neurotziker" lassen ihm die Haare zu Berge stehen, was man gut sieht – denn sie stehen ab. Eigentlich regt ihn alles auf – auch seine an "Ataraxie" leidenden Mitmenschen und meint damit die Unerschütterlichen, zu denen er nicht gehört. Er gefällt er sich in der Rolle des beobachtenden Spießbürgers. Allerdings nimmt er sich und seine Familie (Ehefrau Hilde, Sohn Bolle und Tochter Susaska) nicht aus. Ehefrau Hilde treibt ihn mit ihren Aussagen, die jeglicher wissenschaftlicher Grundlagen entbehren, ständig in den Wahnsinn, Sohn Bolle liebt endlose Fernsehsessions. "Aber ich habe ja gehört, dass Fernsehen gut fürs Gehirn ist", frotzelt er, "weil es dann nämlich nicht gebraucht wird." Fernsehen? "Das, was da meistens als Denkleistung verlangt wird, kann auch das Knie übernehmen." Und wenn es nicht die liebe Familie ist, die nervt, dann vielleicht der Nachbar oder die alte Dame im Supermarkt – ein verkappter "Doc-Hopper"– die davon überzeugt ist, dass die abgeschaffte Praxisgebühr ein Mitgliedsausweis war. Nein, mit Samthandschuhen fasst er seine Mitmenschen nicht an, kommt wie zufällig immer wieder auf neue Themen, sinniert über eine sich ständig verändernde Welt, in der scheinbar nur Erdmännchen authentisch geblieben sind – und die Geckos, die an Scheiben kleben können. "Gut, das können Rehe auch. Unter bestimmten Umständen." Und die Quintessenz hinter seinen schrägen Beobachtungen? Die Verrückten haben die Welt längst umzingelt. "Lemgo, danke, dass ihr zwischen den Zeilen lesen könnt", sagt er zum Schluss und verschwindet unter frenetischem Applaus und Jubel hinter der Bühne.
