Bielefeld (rh). Das griechische Wort "triptychon", italienisch "trittico", bedeutet auf Deutsch "dreifach gefaltet" und steht für gewöhnlich für ein dreiteiliges Altarbild. Giacomo Puccini übertrug dies auf die Oper und rankte um das traurige Los der Nonne Angelica, die ob eines unehelichen Kindes ins Kloster musste und sich nach der Nachricht vom Tode ihres Kindes das Leben nahm, eine Geschichte um Liebe und Eifersucht aus dem Pariser Vorstadtmilieu um 1900 ("Il Tabarro") und eine andere um gierige Erben ("Gianni Schicchi"), die auf Dante Alighieris Divina Comedia zurückgeht.
Die Verbindung dieser drei Sujets, bei denen der Tod aus unterschiedlichen Blickwinkeln im betrachtet wird, schafft Puccinis einfühlsame Musik. Den Bielefelder Symphonikern gelang es unter der Stabführung von Alexander Kalajdzic vorzüglich, diese verbindenden Elemente musikalisch umzusetzen. Aber auch das Bühnenbild von Stephan Prattes trug dem Rechnung: ein Schiffsbug, neben den dann nach der ersten Pause für "Suor Angelica" die mit rankenden Pflanzen gefüllte gläserne Zelle trat. Beides wurde am Anfang von "Gianni Schicchi" dank der Bühnentechnik in die Höhe gefahren, so dass die Erben des Buoso Donati quasi in der Unterwelt oder, um mit Dante zu sprechen, im Inferno agierten. Zu erleben war hier eine meisterhaft in Musik gesetzte Comedia dell’arte. Gianni Schicchi, glänzend verkörpert durch Evgueniy Alexiev, verlieh dem Toten wieder eine Stimme und vermochte dadurch sowohl den Mediziner Spinelloccio (Lutz Laible) als auch den Juristen Amantio (Tae Woon Jung) zu täuschen. Beide erklärten den alten Donati für im Leben befindlich, sodass Schicchi dem Notar ein neues Testament diktierte, durch das er sich selbst, dem "caro amico", einen wesentlichen Anteil am Erbe sicherte - zu Lasten der Verwandtschaft, die eigentlich nur verhindern wollte, dass alles der Kirche zufiel. Einzig profitierender Verwandter war Rinuccio (Daniel Pataky), der Schicchi gerufen hatte und am Ende dessen Tochter Lauretta (Cornelie Isenbürger) in seine Arme schließen durfte. Deren Arien gehörten zu den Glanzpunkten des Stückes. Diese Komödie löste die Anspannung befreiend auf, die vom Schicksal der Suor Angelica noch über die zweite Pause hinweg wirksam war. Sarah Kuffner, die trotz angeschlagener Gesundheit ihre Partien bravourös durchstand, war eine Idealbesetzung für die sehr anspruchsvolle Gesangspartie in diesem, nebenbei bemerkt, von den Rollen her rein weiblichen Einakter, in dem auch Katja Starke (La zia principessa) und Cornelie Isenbürger (Suor Genovieffa) zu gefallen wussten. Die Klosterbewohnerinnen, unterstützt vom weiblichen Teil des Opernchores, vermittelten eindringlich die bedrückende Atmosphäre einer geschlossenen Anstalt; durch Anklänge an die Kirchenmusik ließ Puccini seine Kritik an den zu seiner Zeit herrschenden Moralvorstellungen deutlich werden, ebenso wie Ursula Kudrna durch die Kostümausstattung, durch welche jede der ‚Insassinnen’ ein bisschen schwanger wirkte. Am Ende werden die Pflanzen herausgetragen, nur eine mit dem todbringenden Gift bleibt in der gläsernen Zelle zurück. Liebe und Tod auf ganz andere Art erfährt im "Tabarro" Giorgetta (Sarah Kuffner), die den jungen Luigi (Martin Muehle) liebt, aber mit Michele (Frank Dolphin Wong) verheiratet und somit wirtschaftlich verbunden ist. Beide Herren wussten durch ihr gewaltiges Stimmvolumen zu überzeugen, der eine als unbeirrbarer Liebhaber, der andere als gehörnter Ehemann, der den Nebenbuhler schließlich erschlägt und diesen, eingewickelt in einen Mantel ("tabarro"), fortschafft. Vom äußeren Erscheinungsbild her hätten die beiden freilich ihre Rollen auch tauschen können… Giorgetta nimmt dann den Mord hin, das Leben muss ja irgendwie weitergehen. Sarah Kuffner gelang das Kunststück, durch ihre Stimme gleichermaßen Leidenschaft für den Liebhaber wie Gleichgültigkeit nach dessen Tod zum Ausdruck zu bringen. Sie tanzte mit dem Teufel, und ihr Mann wurde rasiert. Dies war einer der vielen kreativen Regieeinfälle, mit denen Maximilian von Mayenburg der Aufführung seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte und damit den inneren Zusammenhang des "Trittico" nachdrücklich unterstrich. Und die Moral? "Wir alle tragen einen Mantel, der manchmal Freuden, manchmal Leiden verbirgt. Manchmal auch ein Verbrechen"– diesem Zitat vom Ende des "Tabarro" ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Oder doch: Bielefeld erlebte wieder einen großartigen Theaterabend mit einer hervorragenden Ensemble-Leistung, die sich über fast vier Stunden hinweg auf konstant hohem Niveau bewegte.
