Lemgo (pgk). "Bach total" prangte in großen Lettern auf den Konzertprogrammen der Lemgoer St. Nicolaikirche. Dieser verheißungsvolle Slogan sollte in dem nachösterlichen Konzert im vollsten Umfang verifiziert werden: Zunächst erst einmal, weil der Komponistenname Bach durchgängig bei allen gespielten Werken vertreten war, durch die Auswahl von höchst überzeugenden und prächtigen Kompositionen, und andererseits auch wegen ihres ganz besonderen Bachschen Fingerabdrucks. In dieser Hinsicht faszinierte das Osteroratorium BWV 249, mit dem das Konzert eröffnet wurde, in besonderer Weise. Wenn man doch wenigstens einige wenige Anhaltspunkte hätte, um beispielsweise ansatzweise nachvollziehen zu können, was Bach wohl mit seinen höchst bewegenden Oboenkantilenen (Adagio) über relativ spröden Streicherakkorden - direkt im Anschluss an eine festliche Sinfonia mit 3 Trompeten - ausdrücken wollte: Das Auferstehungsmysterium, einen Sonnenaufgang ...? Das "Telemannische Collegium Michaelstein" musizierte auf seinen historischen Instrumenten hier wie auch im gesamten Konzert unter Friedemann Engelberts Leitung professionell, effektvoll und sensibel, obwohl derartig ausdrucksstarke Passagen, wie das Adagio aus BWV 249, auch immer wieder die Grenzen historischer Instrumentierung verdeutlichen. Prachtvoll mit großer Orchesterbegleitung (Trompeten, Pauken, Oboen, Traversflöten, Streicher und Basso continuo), aber dennoch erstaunlich leicht, servierte die Kantorei St. Nicolai ihren anspruchsvollen Part im Eingangschor (Nr. 3) und Schlusschor (Nr. 11). Die Solisten Friederike Webel (Sopran), Eike Tiedemann (Alt), Florian Feth (Tenor), Konstantin Ingenpass (Bass) interpretierten dann den frei gedichteten Bibeltext über das Ostergeschehen in Arien und Rezitativen höchst überzeugend und meisterhaft, in professionellem Dialog mit den barocken Instrumentalsolisten. Als musikalische Highlights entwickelten sich hier die großartig von Feth und 2 Soloblockflöten gestaltete Tenorarie Nr.7 und die Altarie "Saget, saget mir geschwinde" (Nr. 9), von Engelbert in wunderbarer Beschwingtheit initiiert und von Tiedemann bezaubernd gestaltet. Wer von den Konzertbesuchern die Komposition des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach "Klopstocks Morgengesang am Schöpfungsfeste" (Kantate für Sopran, Alt, Chor, Flöten und Streicher) als musikalischen Programmfüller zwischen den beiden Hauptwerken des Konzertes eingeordnet hatte, konnte sich schon bei den ersten, geisterhaft aus den tiefen Streichern aufsteigenden Klängen dieses Werkes erheblich wundern, um schließlich völlig in Begeisterung zu fallen, als Webel über diesem Streicherteppich beeindruckende "Sonnengesänge" als Synonym der Auferstehung anstimmte (Nr. 1 bis 3) mit wunderbaren Melismen, gefolgt von großartig interpretierten Duetten und Chören. Eine feine Neuentdeckung, beeindruckend musiziert! Das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 geht auf das Kompositionsjahr 1735 zurück und ist, ähnlich wie das Osteroratorium, groß besetzt mit Soli, Chor, 3 Trompeten, Pauken, 2 Flöten, 2 Oboen, Streichern, Generalbass und bildete den 2. Teil des Konzertes. Schon der prächtige Eingangschor "Lobet Gott in seinen Reichen" gelang in Engelberts perfekt ausgewogenem Metrum Chor und Orchester vortrefflich und ließ ihn zu einem facettenreichen, effektvollen "Klinger" erblühen. Die Rezitative und Arien zeichneten sich nahezu durchgehend durch einen feinen musikantischen Dialog von Vokal- und Instrumentalsolisten aus, in Besonderheit bei der aus der h-Moll-Messe übertragenen Altarie "Ach, bleibe doch", bei der Eike Tiedemann in wunderbar fließendem Metrum ihre stimmliche Qualifikation und Wärme voll entfalten konnte. Ein prachtvoller Abschlusschoral (Nr. 9) beschloss BWV 11 beeindruckend und einen faszinierenden "Bach total"-Abend.
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Festliche Kantaten in historischer Aufführungspraxis
Bachs Oster- und Himmelfahrtsoratorium in St. Nicolai
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