1. Provokateur & Lügenmauereinreißer

    Volker März regt im Eichenmüllerhaus zum Nachdenken an

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    Lemgo-Brake (nr). Orang Utan-Köpfe auf schwangeren Frauenkörpern, rotohrige Tonfiguren, Esel und Schlamm. Sollte man sich das antun? Kurz und knapp: man sollte. Unbedingt.

    Was auf der Einladung zur Vernissage "Salve slave - Endlich brennt Europa wieder" eher wie eine Offerte für künstlerisch geprägte Kinderfantastereien anmutete, ist weit mehr, als man es erahnen könnte, denn Volker März gehört zu den Menschen, die nicht nur mit Fäusten gegen Mauern des Schweigens kämpfen. Er bohrt, hämmert und reißt ein. Das ganze Gebäude aus Lügen, Angst, Verleumdung und Wohlgefallen. Holocaust, Sklavenhandel, Rassismus, Demütigung, Hörigkeit, Mitläufertum. Die Themen die er so provokant verschiebt, wiegen schwer. Kleinformatige Tonfiguren, Fotografien, Videos und Texte zeugen von einer traumatisierten Welt. "Mein Leben hat tatsächlich ganz viel mit Verweigerung zu tun", sagt Volker März und blickt auf den Marathonläufer, der als Erster durchs Ziel laufen könnte, sich dann aber entschließt, kurz davor stehen zu bleiben. "Ich muss nicht akzeptieren und mitlaufen. Niemand muss das." Man sollte seine Texte lesen. Es sind Geschichten im Dialog, die aber eigentlich Selbstgespräche sind. Kindlich-naiv muten einige an. Genau das ist Volker März wichtig: im Inneren Kind sein, neugierig bleiben, nachfragen, hinterfragen, auf Wahrheiten bestehen. "Als Kind habe ich nie Antworten bekommen. Immer wollte ich wissen, wie das in Deutschland war – vor dem Krieg und auch danach. Und weiter noch: Kolonialismus und Sklaverei. Davon zu erfahren war wie der Schock, das erste Mal vom Holocaust zu hören." Deshalb immer wieder die Orang Utan-Köpfe. Einzig auf den südostasiatischen Inseln Borneo und Sumatra zu finden, stellen sie für Volker März die Verbindung zwischen dem Jahrhunderte andauernden Sklavenhandel zwischen Afrika und Asien her. "Sklaverei zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte. Wer die endlosen Strecken bis zur afrikanischen Küste überlebt hatte, wurde kastriert und nach Asien verschleppt." Seine Verachtung für Unmenschlichkeit und Lügengeflecht sind nicht gespielt. Seine Reaktion ist das provokante und bitterböse Sein. Auch bei den Tonfiguren. "Durch das Bemalen werden sie menschlich und auch sie sind mindestens einmal durchs Feuer gegangen – und zerbrechlich." Volker März hat viele Antworten und sie sind immer unbequem. "Meine Kunst ist – profan gesagt – ein bunter Salat und kein Gesamtkunstwerk", sagt er selbst und meint das nicht negativ. "Alles baut aufeinander auf, wird aber nicht zu einem großen Ganzen. Jede Figur ergibt sich aus der nächsten und wieder der nächsten." Zu Hunderten bevölkern sie die Galerieräume. Die roten Ohren zeugen davon, dass sie den Anschluss verloren haben. Genau wie die Esel, die Lastenschlepper menschlicher Abgründe. Und der Schlamm, in denen sie stehen oder sitzen ist für den Künstler Symbol für all das, was der Mensch nicht wahrhaben will. Eine Metapher für das nie enden wollende Morden und Wüten in aller Herren Länder. "Ich will Misstrauen säen", wirft er ein. "Auch uns selbst gegenüber. Wer immer nur hinnimmt, macht sich schuldig." Ob es Hoffnung gibt? "Aber ganz bestimmt", antwortet er. "Man muss nur wollen." Und in seine Autobiographie will er aufnehmen: »Der Affe fällt nicht weit vom Stamm«. Sagts und tritt so vor das Bild des Eselkopfes, dass die glutroten Ohren des Tieres, die Symbol für den verlorenen Anschluss sind, zu seinen eigenen werden – mit voller Absicht. Die Ausstellung des Berliner Künstlers Volker März ist noch bis zum 22. Mai in der Städtischen Galerie Eichenmüllerhaus, Braker Mitte 39 immer Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Gruppenführungen können unter der Rufnummer 05261/89396 vereinbart werden.

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