1. Lesehunger geweckt

    Lemgoer lesen aus liebgewonnenen Büchern

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    Lemgo (nr). So viele Besucher auf einmal hat die Stadtbücherei nicht jeden Tag. Für gewöhnlich sitzen diese auch nicht gebannt lauschend zusammen, um literarische Köstlichkeiten serviert zu bekommen. Wenn allerdings vier engagierte Lemgoer Auszüge aus ihren Lieblingsbüchern lesen, ist der bestens gefüllte Lesesaal "ganz Ohr". Christine Beermann, Bärbel Fischer, Reinhard Hölscher und Wolf Scherzer, haben vergangene Woche in der Stadtbücherei mit ausgesuchten Texten sogar ausnehmend viel Lesehunger geweckt. "Trotz ganz unterschiedlicher literarischer Richtungen dreht sich eigentlich jeder der Texte um die Suche nach dem Sinn des Lebens", erklärte Elisabeth Webel, Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbücherei und Moderatorin des Abends. "Das ist umso interessanter, da die Texte nicht untereinander abgesprochen waren." Den Abend vor über 60 Besuchern eröffnete Reinhard Hölscher, Geschäftsführer der Firma Brasseler mit John Streleky´s "Das Café am Rande der Welt". Dort wird der Protagonist mit Fragen konfrontiert wie: Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben? Drei Fragen, die sein Leben verändern. Warum Reinhard Hölscher das Buch ausgewählt hat? Recht pragmatisch, wie er zugibt. "Aufgrund der Infoflut jeden Tag bin ich eigentlich keine klassische Leseratte. Das Buch war ein Geschenk meiner Frau anlässlich meines Geburtstages und ich hege den leisen Verdacht, dass sie das Buch gerne selber lesen möchte." Genau so wird es wohl auch den Zuhörern ergangen sein, die ein Stück weit in die Geschichte eintauchen durften. Bei Christine Beermann, Konrektorin der Südschule wurde der ausgewählte Text gar zu einem Spiegel ihres Lebens. Wie die Autorin Barbara Pachl-Eberhardt in ihrem Roman "Vier minus drei" den Tod dreier Familienmitglieder verarbeitet, den Tod und letztendlich sich selbst verwandelt, hat auch Christine Beermann mit dem plötzlichen Tod eines geliebten Menschen zu kämpfen gehabt. "Ich habe dieses Buch als unglaublich hilfreich empfunden", gab sie unumwunden zu. "Da waren Momente in denen ich mich wiedergefunden habe." Einen ganz anderen Zugang zum Sinn des Lebens fand Bärbel Fischer, neue Rektorin des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums. Ihre Wahl war auf Thomas Manns "Tonio Kröger" gefallen. Die Novelle mit dem Protagonisten, der stark autobiographische Züge aufweist, lebt vom Zwiespalt zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit. "An Thomas Mann fasziniert mich die Sprache, seine Art, exakt zu beschreiben und ein bisschen böse, aber immer wohlwollend zu sein. Anders als der Protagonist, der zum Außenseiterdasein steht, empfinden die Menschen das heute meist als Stigma." Ein "skurriles, aber liebevolles und hochachtendes Buch" stellte Redakteur Wolf Scherzer vor: "Die souveräne Leserin" von Alan Bennet gilt vielfach als eine Liebeserklärung an das Lesen. "Etwas für das sich ein Redakteur schon von Berufswegen tagtäglich begeistern muss", erklärte Wolf Scherzer. Der fiktive Roman lässt die Queen durch das Lesen schöngeistiger Bücher über sich hinauswachsen und ermöglicht ihr eine andere Sicht auf die Menschen. Diese andere Sicht war es, die sich wie ein roter Faden durch einen schönen Abend in der Stadtbücherei zog. Ob nachdenklich, traurig, charmant oder humorig – die "Vorleser" haben mit der Wahl der Texte viel Lust auf Lesen gemacht. Die Reihe "Ganz Ohr sein", wurde bereits 2004 vom Förderverein der Stadtbücherei initiiert. Dreimal im Jahr – Ende Januar, Ende April und Ende Oktober – verwandelt sich dann die Bücherei in einen großen (Vor)Lesesaal mit den unterschiedlichsten Texten.

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