Lemgo (nr). Nacht für Nacht, immer zur vollen Stunde, musste der Türmer aus seiner kleine Stube des Nordturms von St. Nicolai hoch über den Dächern Lemgos in sein Horn stoßen und auf Antwort der Wächter warten. Die Geschichte der Türmer gehört fest zur Stadtgeschichte und ist stets auch Teil der Führungen in den Nordturm von St. Nicolai. Zu sehen gab es außer einem dunklen Verschlag nicht viel – bis jetzt. Karl-Rochus Kintscher hat mithilfe von Paul Fait, Michael Rosteck und Küster Gerd Borchers die alte Türmerstube in ein neues, lebendiges Licht gerückt. Ein echter Zugewinn für alle kommenden Führungen. Ein Stuhl, Tisch, Bett, Kerze, der Nachttopf und ein Kamin – die kleine Türmerstube war schlicht und zweckmäßig eingerichtet, als noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Türmer allabendlich die schmalen Leitersprossen hoch zum Nordturm stiegen. Außer dem Läuten der Räumeglocke, nach der alle Krugwirtschaften und Straßen zu räumen waren, musste der Türmer von 21 bis 4 Uhr morgens zu jeder vollen Stunde in alle vier Himmelsrichtungen blasen und darauf warten, dass die Nachtwächter auf ihren schweren Kupferhörnern antworteten, nach Feuern Ausschau halten und an den größeren Märkten zu Walpurgis, Michaelis und Kläschen die Freifahne hissen. Waren die Zeiten unsicher, hatte er außerdem Sichtverbindung zu den Turmhütern der Landwehrtürme aufzunehmen. So anschaulich die vielen Geschichten um die Türmer sind, für die vielen Besucher, die den Nordturm auf der heute stabilen Holztreppe erklommen haben, war die Türmerstube bisher nicht viel mehr, als ein dunkler Verschlag. Den Arbeitsplatz des schlecht bezahlten Türmers und seinen Aufstieg in den Turm über schmale Leitern, kannten sie nur über Erzählungen. "Man muss sich nur vorstellen, dass nach dem steinernen Sockel der Turm zu damaligen Zeiten nur über schmale Holzleitern zu erreichen war. Das waren immerhin noch 40 Höhenmeter", weiß Karl-Rochus Kintscher. Dem Hobbyhistoriker spukte die Idee einer eingerichteten Türmerstube seit Langem im Kopf herum. Als er bei Recherchen auf einen Text über den Türmer und Stadtmusicus Johann Fricke stieß, begannen diese Gedanken konkrete Formen anzunehmen. Mit der Unterstützung von Paul Fait, Küster Gerd Borchers und Kunsthändler Michael Rosteck, der die Einrichtungsgegenstände gestiftet hat, werden jetzt für die Besucher hinter einer Plexiglasscheibe die Türmergeschichten noch ein Stück lebendiger. "Ganz nach historischem Vorbild konnten wir die Stube leider nicht ausstatten", erklärte Karl-Rochus Kintscher. "Es ging vielmehr darum, das einfache Leben damaliger Zeit darzustellen und anschaulich zu machen." Das gelungene Ergebnis kann nun regelmäßig besichtigt werden.
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Türmerstube von St. Nicolai ins rechte Licht gerückt
Karl-Rochus Kintscher lässt ein Stück Lemgoer Geschichte lebendig werden
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