Lemgo (nr). Er ist blind und dennoch so manchem Sehenden ein gutes Stück voraus. Denn Henry Wanyoike aus Kenia hat trotz Erblindung seinen Traum vom selbstbestimmten Leben nie aufgegeben. Vergangene Woche hat er gemeinsam mit Laufpartner Joseph Kibunja und der Christoffel-Blindenmission die Südschule besucht und den Schülern über Hoffnung und Willenskraft erzählt. Dass gerade Kinder völlig vorurteilsfrei an Dinge herantreten, wissen Henry Wanyoike und Joseph Kibunja bereits aus ihrer kenianischen Heimat. Fragen wie: "Welche Lieblingsfarbe hast Du?", "Spielst Du auch American Football" oder "Wie findet es denn Deine Familie, dass Du blind bist?" kennt der erfolgreiche Langstreckenläufer und er beantwortet die Fragen, die ununterbrochen auf ihn einprasseln ganz ernsthaft und mit viel Geduld. Und es sind tatsächlich Unmengen an Fragen, die die Schüler der Südschule an ihn haben. So viele, dass die Referentinnen der Christoffel-Blindenmission, die die Fragen und Antworten ins Englische übersetzen, aus Zeitgründen irgendwann die Fragestunde abbrechen müssen. Dafür dürfen die Kinder anschließend mit beiden Läufern auf die Laufbahn und das ist für sie ein ganz besonderer Moment, denn wer kann schon von sich behaupten, schon einmal mit einem mehrfachen Goldmedaillengewinner ein Minitraining absolviert zu haben! "Wenn wir nichts sehen könnten", sagen einige der Kinder, "könnten wir uns nicht so bewegen." Wenn man sieht, wie Henry Wanyoike sich bewegt, staunt man tatsächlich. Er zögert nicht und wirkt vollkommen souverän in seinem Umfeld. Von Joseph Kibunja kommen beim Lauf auf der Bahn keine erkennbaren Hilfestellungen außer dem Band am Handgelenkt beider Läufer, das sie miteinander verbindet. Als die Schüler ihn begleiten, greift Henry Wanyoike leicht um ihre Schulter und lässt sich so von ihnen führen, ohne dass es wirklich danach aussieht. Für die Schüler gibt es aber noch mehr zu entdecken. Auf dem Schulgelände steht das Erlebnismobil der Christoffel-Blindenmission, das den Schülern ermöglichen soll, sich in die Lage Sehbehinderter hineinzuversetzen. Hier können die Kinder, mit Blindenstöcken ausgerüstet, die Hindernisse (Mülltonne, unterschiedliche Bodenbeläge oder auch einen PVC-Vorhang) zwar nicht in völliger Dunkelheit, aber mit einer Brille, die den grauen Star simuliert, erkunden. "Ein bisschen gruselig" und "das fühlt sich komisch an", tönt es aus dem Fahrzeug, als eine Gruppe von Schülern das Experiment wagt. Eine natürliche Neugierde für alles Unbekannte lässt bei ihnen Berührungsängste gar nicht erst aufkeimen. "Es geht darum, Kinder in vielerlei Hinsicht zu sensibilisieren und ihr Verständnis für Unbekanntes zu fördern", sagt Konrektorin Christine Beermann und weiß aus anderen schulischen Begegnungen, dass Kinder zwar ein Anderssein sofort registrieren und viele Fragen haben, gleichzeitig aber dieses Anderssein als ganz normal hinnehmen. Genau das machen die Kinder an dem Vormittag mit Henry Wanyoike deutlich: "Er ist ein super Sportler und total nett – ach ja, er kann übrigens nichts sehen.
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"Es gibt immer einen Weg"
Mehrfacher Paralympics-Goldmedaillengewinner über Hoffnung und Willenskraft
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