1. Bedrückende Lebenswege

    Oerlinghausen erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus

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    Oerlinghausen (kd). Wie ehrt man die Opfer des Nationalsozialismus? Die Stadt Oerlinghausen hält in einem "Erinnerungsbuch" das Schicksal der Verfolgten fest. In einem Vortrag im Bürgerhaus hat der Autor Jürgen Hartmann das Werk sowie neue Erkenntnisse vorgestellt.

    "Selten ist mir eine Begrüßung so schwer gefallen wie heute", bekannte Bürgermeister Dirk Becker. "Welche Worte benutzt man, wenn es um eines der traurigsten Kapitel unserer Heimatstadt geht?" Unweigerlich stelle sich Beklemmung Fassungslosigkeit und Abscheu ein, wenn man lese, "wie mit Menschen umgegangen wurde, nur weil sie anderer Herkunft waren, eine andere Religion oder eine Behinderung hatten". Es seine geschätzte Bürger der Stadt gewesen, die zuerst gemieden, dann deportiert und schließlich getötet wurden. Schweigen könne nicht der richtige Weg sein, meinte Becker. Die Stadt Oerlinghausen habe sich entschieden, die Erinnerung an jene Menschen auch für nachfolgende Generationen wachzuhalten. "Denn diese Geschichte darf sich nicht wiederholen." Der Historiker Hartmann hat 32 Opfer ermittelt, die durch nationalsozialistische Verfolgung ums Leben gekommen sind. Dazu war eine intensive Kleinarbeit erforderlich. Um ihre Lebenswege nachzuzeichnen, wertete er Melderegister, Zeitungen, Adressbücher, Gerichtsakten und private Briefe aus. Wichtig waren ihm Fotos, um den Opfern ein Gesicht geben zu können. Gleichwohl hielt er sich an die wissenschaftliche Vorgehensweise, die Vorgänge nüchtern aufzuarbeiten. "Ich habe viele Gespräche mit Nachkommen geführt", sagte Hartmann. "Es war jedes Mal beklemmend und bedrückend." Das Historiker müsse jedoch emotionslos arbeiten, "denn die Geschichten sprechen für sich." Hartmann konzentrierte sich auf Menschen, die zwischen 1933 und 1945 ihren Lebensmittelpunkt in Oerlinghausen, Helpup oder Lipperreihe hatten. "Viele bemühten sich auszuwandern", sagte Hartmann. Für manche der alteingesessenen Familien kam dies jedoch nicht Betracht, zumal sie sich keiner Schuld bewusst waren. So wie im Fall von Irma und Manfred Herz, die an der Hauptstraße ein Textilgeschäft führten. Unter einem Vorwand wurden sie verhaftet, deportiert und kamen unter ungeklärten Umständen im Ghetto von Minsk zu Tode. Hedwig Sara Loewenthal war mit 18 Jahren zum evangelischen Glauben übergetreten. In Briefen äußerte sie sich verständnislos darüber, was die Nazis ihr vorwarfen. Sie musste sich öffentlich von anderen fernhalten und wurde immer stärker drangsaliert. Wo und wie sie zu Tode kam, konnte Hartmann bislang nicht aufklären. Weil er Radio hörte, hatte sich Eduard Berke verdächtig gemacht. Er war Mitglied der KPD und gehörte einem Radiokreis an. Deren Mitglieder informierten sich und andere durch sogenannte Feindsender. Auch Berke zahlte dafür mit seinem Leben. In jüngster Zeit ermittelte Hartmann das Schicksal von Walter Windmüller, der 1898 in Oerlinghausen geboren wurde. Wegen kleinerer Vergehen kam er 1938 nach Sachsenhausen und 1942 nach Auschwitz, wo er am 21. September 1943 an den Folgen der Lagerhaft gestorben ist. In einem Brief, der jetzt bekannt wurde, schilderte er die unmenschlichen Bedingungen im Lager. Der Historiker Hartmann will seine Recherchen zum "Erinnerungsbuch" fortsetzen. Daher wurde es bewusst im Internet (www.oerlinghausen.de) veröffentlicht, um es ständig aktualisieren zu können. Bis zum Ende des Jahres soll die zweite Auflage fertiggestellt werden, kündigte Jürgen Hartmann an.

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