Kreis Lippe (nok/la). Dank niedriger Zinsen und hoher Beschäftigungsquote ist die Konsumfreudigkeit der Deutschen im vergangenen Jahr gestiegen. Das hat auch im Einzelhandel zu einem Wachstum geführt, welches es bereits seit 20 Jahren nicht mehr gegeben hat. Ein nominales Umsatzplus von 3,1 Prozent hat zu einem Gesamtumsatz von 472,4 Millarden Euro (inklusive Onlinehandel) geführt.
Dass der lippische Einzelhandel dennoch nur wenig Freude an diesen statistischen Auswertungen hat, liegt an zwei wesentlichen Gründen. Im Gegensatz zu den Ballungszentren sind die Umsätze in den ländlichen Gebieten zurückgegangen und der Anteil des Onlinehandels wird immer größer. Lippeweit gingen die Umsätze im Einzelhandel in 2015 um 50 Millionen Euro zurück. Kai Buhrke (Geschäftsführer) und Thomas Voss (Vorsitzender) vom lippischen Handelsverband befürchten, dass sich dieser Trend auch 2016 fortsetzen wird und der Einzelhandel in Lippe weitere Anteile vom privaten Konsum verlieren wird. Andere Konsumsparten wie Tourismus und Freizeit, Steuern, öffentliche Abgaben, Wohnen, Kommunikation und Verkehr haben den Anteil des Einzelhandelsumsatzes am privaten Verbrauch auf unter 29 Prozent schrumpfen lassen. Vor 15 Jahren lag der Anteil noch bei über 35 Prozent. Am meisten bewegt den Einzelhandel aktuell und auch in Zukunft der durch den Online-Handel getriebene Strukturwandel in der Branche. Im Jahr 2015 setzte der Online-Handel insgesamt 41,7 Millarden Euro bzw. 8,8 Prozent vom gesamten Einzelhandelsumsatz um. Auf Lippe übertragen wären das rein rechnerisch 140 Millionen Euro. "In diesem Jahr erwarten wir eine Steigerung von rund 11 Prozent auf dann 46,3 Millarden Euro, was einem Anteil von fast 10 Prozent am gesamten deutschen Einzelhandelsumsatz entspricht", erklärt Buhrke. Dabei betrage der Food Anteil 0,4 Prozent und der Nonfood Anteil schon fast 20 Prozent. Bei einigen, insbesondere innenstadtrelevanten Sortimenten wie Bekleidung, Schuhe, Uhren, Schmuck, Bücher sowie Spielwaren erreicht der Online-Anteil in Spitzen sogar schon ein Drittel des Gesamtumsatzes. Jeder Fünfte Verbraucher geht nach Marktforschungsergebnissen verstärkt im Internet einkaufen und verzichtet somit auch immer häufiger auf einen Innenstadtbesuch. Bestätigt werde der Trend der statistischen Auswertungen leider auch in Lippe durch zunehmende Leerstände in den Zentren. Diese Tendenz führt nach Ansicht von Thomas Voss nicht nur zu erheblichen Problemen und Sorgen im stationären Einzelhandel, sondern auch zu einem deutlichen Verlust an Lebensqualität. Neben den "virtuellen Mitbewerbern" verspürt der Einzelhandel in den lippischen Innenstädten zusätzlichen Druck durch immer mehr Hersteller-Händler (Outlets), Einkaufszentren an den Stadträndern, zahlreichen Filialisten und Handelsketten sowie durch den Kaufkraftabfluss in benachbarte Oberzentren. Dass bundesweit inzwischen über die Hälfte aller Einzelhändler in den Innenstadten sinkende Kundenfrequenzen registrieren, sollte nach Ansicht des lippischen Handelsverbandsvorsitzenden Thomas Voss, der selbst Inhaber eines Modegeschäftes in Lage ist, zum Umdenken beim Verbraucher führen. Dennoch sieht die lippische Verbandsspitze auch gute Perspektiven für den stationäre Einzelhandel und die kleineren lippischen Städte in Lippe. "In Zeiten zunehmender Anonymität, Vereinsamung und Kommunikation über die reine Technik haben wir als inhabergeführter Einzelhandel die Chance, mit unserem persönlichen Kontakt zu den Kunden unsere Stärken auszuspielen. Hier haben kleinere Einkaufsstädte in Lippe, wo man sich in der Regel sogar persönlich kennt, gegenüber den anonymen Großstädten und dem Internet deutliche Vorteile. Diese Trumpfkarte müssen wir nachhaltig ausspielen", so Thomas Voss. Der Vorsitzende des Handelsverbandes Lippe bindet in seine Visionen aber auch einmal mehr die Verantwortlichen (Politiker) der Länder, Städte und Gemeinden sowie die Kommunalpolitik mit einem dringenden Appell ein. Es würden nur die Städte als Einkaufsstadt überleben, die bezüglich Angebot, Erlebniseinkauf, Aufenthaltsqualität, Sauberkeit, Sicherheit und Gestaltung optimal aufgestellt sind. Der Handel sei für die Kommunen wichtigster Besuchermagnet und Wirtschaftsfaktor der Innenstädte. Den Menschen Lebensqualität zu bieten, werde zukünftig ohne zusätzlichen personellen und finanziellen Einsatz der Kommunen nicht möglich sein. Dieser Einsatz könne dann auch durch gesicherte Gewerbesteuereinahmen belohnt werden.
