1. "Augen zu und gewartet, dass es knallt"

    Denise Reipke und Michael Steiger schildern eindrücklich ihre Unfälle

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    Kreis Lippe (ab). Überhöhte Geschwindigkeit gehört laut Polizeistatistik nach wie vor zu den Hauptunfallursachen im Straßenverkehr. Mit dem nächsten Blitzmarathon am 21. April soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Problem gelenkt werden. In diesem Jahr rückt die Polizei die Opfer und deren Schicksal in den Mittelpunkt. Zwei junge Fahrer haben sich bereiterklärt, ihre Unfall-Geschichten zu erzählen. An den 28. Dezember 2013 kann sich Denise Reipke, 21 Jahre aus Lemgo, noch gut erinnern. Sie hatte Besuch von einem Arbeitskollegen und die Verabredung mit ihrem Vater rückte näher. Der Kollege hatte sich nicht rechtzeitig um eine Fahrmöglichkeit gekümmert und bat Denise, ihn nach Hause zu bringen. Dafür hatte sie eigentlich keine Zeit mehr, willigte aber schließlich dich ein. Dementsprechend schnell war die damals 19-Jährige mit ihrem Renault Twingo unterwegs. In einer starken Rechtskurve in Brüntorf kam ihr ein Peugeot entgegen, der ebenfalls, aus der 100er-Zone kommend, recht schnell unterwegs war. "Ich wusste in dem Moment, es wird ein Unfall passieren". Sie habe daraufhin "einfach losgelassen, Augen zugemacht und gewartet, dass es knallt". Die Fahrzeuge stießen frontal zusammen. "Mein Auto war bis zur Windschutzscheibe platt", sagt Denise Reipke. Auch der Gestank des Airbags ist ihr in Erinnerung geblieben. Sie habe gekämpft, um die Tür aufzubekommen und sich aus dem Auto zu befreien. Auch ihrem Beifahrer gelang das; aufgrund eines Herzfehlers drohte er aber, das Bewusstsein zu verlieren. Die vier Insassen des Peugeot wurden nur leicht verletzt. Glück im Unglück: Dessen Fahrer war ausgebildeter Rettungssanitäter und leistete Erste Hilfe. Denise Reipke erlitt eine heftige Rippenprellung; die habe sie noch 6 Wochen lang gespürt; ein Gefühl als sei mein Körper zusammengedrückt." Solange dieses Gefühl anhält, sitze man noch in dem Auto, meint sie. Auch heute sei der seelische Druck noch da, "ich meide diese Kurve, wenn es geht". Die Schuldfrage wurde gerichtlich nie geklärt, gleichwohl gibt Denise sich die Schuld. Ihr Kollege redet bis heute nicht mit ihr. Damals habe sie sich aufgrund des Zeitdrucks stressen lassen, sagt Denise Reipke selbstkritisch. Und hat eine wichtige Entscheidung für sich getroffen: "Ich lasse mich nie wieder stressen!" Auch Michael Steiger ist 2013 in Brüntorf verunglückt. Am 11. Mai war er, damals 18 Jahre alt, in einem Ford Ka unterwegs. Er fuhr zu schnell – nicht aus Termindruck, sondern weil er als Führerscheinneuling in dieser Zeit gerne mal seine Grenzen ausgetestet habe, gibt Michael Steiger offen zu. Bei hohem Tempo habe er eine Kurve falsch eingeschätzt; als er instinktiv das Lenkrad herumreißt, bricht sein Fahrzeug aus, gerät ins Schleudern, überschlägt sich und kommt erst nach 80 Metern auf einem Feld zum Stehen. Schwer verletzt gelang es Michael Steiger, sich aus dem Auto zu befreien. "Es stieg Rauch auf und als ich an mir runterguckte, war überall Blut", erinnert sich der heute 21-Jährige. Er hatte eine Fleischwunde am Arm, die Wirbelsäule war gestaucht und auch seine Beine waren verletzt. Dennoch schaffte er es, wohl auch Dank des Adrenalins in seinem Blutkreislauf, bis zur Straße, wo er versuchte, ein Auto heranzuwinken. Da sein Handy irgendwo im Auto verloren gegangen war, war dies die einzige Chance, Hilfe zu bekommen. Ein erstes Auto wird zwar langsamer, fährt dann aber doch weiter. Erst der zweite Autofahrer hält an und kommt Michael Steiger zu Hilfe. Eine Woche blieb er im Krankenhaus und wurde dann auf eigenen Wunsch entlassen. Drei Monate musste er noch an Krücken laufen, zu Hause nutzte er einen Rollstuhl, das sei für ihn als Sportler das Schlimmste gewesen. Dennoch habe er den Unfall gut verarbeitet, habe keine Alpträume gehabt. "Meine Familie hat mehr darunter gelitten als ich", meint Michael Steiger. Gleichwohl hat es ihn und seine Fahrweise verändert. Seinen Jugendlichen Leichtsinn habe er mittlerweile abgelegt und weist als Beifahrer auch Freunde zurecht, wenn sie zu schnell fahren. An einem Opfer "hängen" 100 weitere: Arbeitgeber, Versicherungen und natürlich Freunde und Angehörige, weiß die Polizei. Denen die schreckliche Nachricht vom Unfall oder gar Tod ihrer Liebsten zu überbringen, gehört zu den Aufgaben von Andreas Gronemeier. Seit 1998 ist der evangelische Pfarrer Notfallseelsorger im Dienste der Polizei. Im Herbst 2009 musste er den Eltern zweier Brüder mitteilen, dass ihre Söhne einen Unfall hatten, bei dem der eine starb und der andere schwer verletzt wurde. In diesem Fall seien die Eltern erst mal komplett erstarrt und blieben wortlos. Aber auch das andere Extrem gibt es, wo die Menschen zusammenbrechen oder gar wütend werden und auf die Polizisten losgehen. Auch für die Helfer ist Gronemeier da und hilft ihnen, die Eindrücke vom Unfallort zu verarbeiten. Glaubens- und Sinnfragen spielen bei diesen Gesprächen nur dann eine Rolle, wenn es die Opfer selbst ansprechen, sagt der Pfarrer. Gronemeier ist auch bei der Präventionsaktion "Crash-Kurs NRW" der Polizei dabei, die regelmäßig in lippischen Schulen stattfindet. Risikogruppe junge Menschen Die Unfallstatistik des vergangenen Jahres zeigt: Junge Autofahrer sind in Lippe überproportional häufig Opfer von Verkehrsunfällen. 2015 gab es in Lippe insgesamt 8.829. 16 Menschen starben, 3 von ihnen waren zwischen 18 und 24 Jahre alt. "Wir wollen weniger die Sanktionen beleuchten, sondern zeigen, was ein Unfall bedeutet", erläutert Jennifer Brink, Leiterin der Direktion Verkehr. Mehrere Unfallopfer aller Altersklassen hatte die Polizei daher gefragt, ob sie bereit währen, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen. Denise Reipke und Michael Steiger hatten als einzige zugesagt. Nächster Blitzmarathon 
am 21. April Seit 2012 macht die Polizei mit ihrem "Blitzmarathon" regelmäßig auf die Gefahren zu schnellen Fahrens aufmerksam. Die nächste Kontrollaktion gegen Temposünder ist am kommenden Donnerstag, 21. April. Kontrolliert wird zwischen sechs Uhr morgens und 22 Uhr, kündigte Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) am Montag in Düsseldorf an. Viele Bundesländer sowie über 20 europäische Staaten beteiligen sich nach Angaben des Ministeriums an der Aktion. In NRW steht sie unter dem Motto "Respekt vor Leben – Ich bin dabei!"

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