1. Aufklärung eines Familienschicksals nach 75 Jahren

    Bürgermeister empfängt Angehörige eines 1941 in Ehrsen erhängten polnischen Zwangsarbeiters

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    Bad Salzuflen (go). Antoni Bolewski (89) hatte acht Geschwister. Hatte, denn auch Stefan, der Bruder, der 1939 als Kriegsgefangener von Polen nach Deuschland verschleppt wurde, wäre mittlerweile über 100 Jahre alt. Aber wie es Stefan ergangen ist, diese Frage treibt Antoni um, vor allem jetzt im Alter. Nach dem Krieg kam Stefan nicht nach Hause nach Srem bei Posen. Da es aber keine Todesnachricht gab, hegte die Familie Bolewski die Hoffnung, Stefan habe in Deutschland Fuß gefasst und dort eine Familie gegründet. Noch bis vor Kurzem währte diese Hoffnung. Dann kam die Gewissheit. Stefan Bolewski ist nur 29 Jahre alt geworden.

    Diese Woche besuchten fünf Mitglieder der Familie Bolewski auf Einladung von Bürgermeister Roland Thomas Bad Salzuflen und wurden dabei auch offiziell von ihm im Historischen Rathaus empfangen. Dort haben sich die polnischen Gäste ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Antoni ist nicht dabei, die Reise wäre zu beschwerlich gewesen, aber sein Sohn Czeslaw und seine Tochter Halina mit ihren Ehepartnern und Enkel Simon haben die Reise angetreten. Vor dem Empfang hatten sie mit dem Historiker und Leiter der Volkshochschule Bad Salzuflen, Franz Meyer, einen Gang durch Ehrsen-Breden gemacht, einen nicht leichten Gang, denn er führte zur Hinrichtungsstätte von Stefan Bolewski. Die NS-Justiz hatte ihn zum Tode durch Erhängen verurteilt, weil er ein Liebesverhältnis zu einer "deutschblütigen" Frau unterhalten hatte. Vollstreckt wurde das Urteil am Nachmittag des 28. Juli 1941 in einem Steinbruch in Ehrsen-Breden in der Nähe der heutigen Bachstraße. Die polnischen Zwangsarbeiter – Bolewski war in der Landwirtschaft eingesetzt – sollten seinerzeit wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Auf Mahntafeln standen Sprüche, wie: "Deutsche, seid zu stolz, Euch mit Polen einzulassen!" oder "Es entspricht nicht der Würde eines deutschen Mädchens, dass es mit dem Polen sich in der gleichen Waschschüssel wäscht und mit ihm an einem Tische sitzt und isst." Während die Geliebte Bolewskis, die als Tagelöhnerin auf demselben Hof eingesetzt war, zu vier Jahren KZ-Haft verurteilt wurde (sie überlebte), wurde Stefan zum Tode verurteilt. Denunziert wurde das Liebespaar durch einen Nachbarn. Diese Fakten hatte Franz Meyer als Bad Salzufler Stadtarchivar 1996/97 recherchiert und dazu unter dem Titel "Der Tod des polnischen Zwangsarbeiters Stefan Bolewski –Über ein ungesühntes NS-Verbrechen in Ehrsen-Breden im Sommer 1941" einen dokumentierenden Aufsatz verfasst. Die Hinrichtung wurde von der Gestapo als Schauprozess inszeniert. Janina Wroblewsky aus Bad Salzuflen, ab 1943 als polnische Zwangsarbeiterin auch in der Landwirtschaft in Ehrsen-Breden eingesetzt, hat oft von der Hinrichtung Bolewskis gehört; dass die Polen gezwungen wurden, nach oben an den Galgen zu blicken. Sofort kam sie als ebenfalls geladener Gast im Historischen Rathaus mit den Angehörigen Bolewskis auf Polnisch in ein offensichtlich sehr emotionales Gespräch. Im Laufe seiner Recherchen hatte Meyer damals auch eine Anfrage an den Internationalen Suchdienst gerichtet, um Angehörige von Stefan Bolewski ausfindig zu machen; ohne Resonanz. Erst vor Kurzem hat der Internationale Suchdienst die entsprechende Anfrage von vor 20 Jahren ins Internet gestellt. Das hat Simon Bolewski entdeckt und Anfang 2016 Kontakt zur Stadt Bad Salzuflen aufgenommen. "Die Familie Bolewski weiß nun über das Schicksal von Stefan Bolewski Bescheid. Damit wurde ihr eine große Unsicherheit genommen", sagte Franz Meyer. Bürgermeister Roland Thomas ließ Antoni Bolewski beste Grüße ausrichten. Durch die historische Arbeit von Franz Meyer sei der Tod von Stefan Bolewski nicht in Vergessenheit geraten. Dieser Fall zeige, dass das Terrorregiment des Nazi-Regimes bis in den hintersten Winkel des Deutschen Reiches funktionierte, so Meyer. Es sei gut, dass die fünf Gäste nun Antoni über ihre Eindrücke in Bad Salzuflen berichten könnten. Das sei auch für die fünf Familienmitglieder das wichtigste Anliegen ihrer Reise. Und: "Dieser Fall zeigt wieder, dass man nicht gedankenverloren Schlussstriche unter die Vergangenheit ziehen darf", sagte Meyer. Das gehe schon mal gar nicht, so lange es Angehörige gibt, die über das Schicksal ihrer Vorfahren aufgeklärt sein möchten.

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