1. Wenn die Wohnung krank macht

    Dr. Manfred Pilgramm hielt Antrittsvorlesung als Professor für Wohnmedizin

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    Detmold (ab). Nasenbluten bei Kindern, chronisch entzündete Nasennebenhöhlen bei Erwachsenen, Allergien oder häufige Kopfschmerzen – oft sind die Ursachen in den eigenen vier Wänden zu suchen. Geforscht wird hierzu in der sogenannten "Wohnmedizin". Der HNO-Arzt Dr. Manfred Pilgramm ist zum Honorarprofessor am Fachbereich "Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur" der Hochschule OWL für dieses Lehrgebiet berufen worden. Am Dienstagabend hat er vor rund 160 Zuhörern – darunter seine Familie, Freunde, Kollegen, Studenten und interessierte Bürger – seine Antrittsvorlesung gehalten.

    Wer einen einen Fön kauft, bekommt eine Gebrauchsanweisung dazu. Bei einem Haus oder einer Wohnung kriegt man keine Anleitung. Die Folge: Aufgrund "unsachgemäßer Nutzung" werden Menschen in den eigenen vier Wänden krank. Wie entscheidend (Wohn-)Umfeld und Gesundheit zusammenhängen, sei ihm vor über 10 Jahren aufgrund von Patientenaussagen klar geworden. Damals hatte eine Mutter berichtet, dass ihr Kind plötzlich kein Nasenbluten mehr hatte – nämlich während eines Urlaubs auf Norderney. Zweifel, ob eine Operation immer das Mittel der Wahl ist, habe er bereit vorher gehabt. Häusliche Risikofaktoren Mittlerweile kennt die Wohnmedizin eine Reihe von Risikofaktoren. Allen voran das Tabakrauchen; es könne nicht nur Lungenkrebs verursachen, auch die chronischen Entzündungen der Nebenhöhlen sind hiervon eine Folge. "Rauchen kann man aufhören – einfach so!", weiß Pilgramm aus eigener Erfahrung. Und das sei als Therapie viel nachhaltiger als eine Operationen. Auf Platz zwei steht Lärm. Davor könne man sich zwar oft nicht schützen, aber Überempfindlichkeiten ließen sich gut therapieren. Paradoxerweise, indem man sich gezielt Lärm aussetzt. Ebenfalls aufs "Treppchen" hat es das ungünstige Raumklima geschafft, das gleich mehrere Aspekte umfasst. Hauptproblem ist hier Schimmel. Er kann Allergien oder Asthma auslösen und bereits kranke Menschen noch kränker machen. Ihn gelte es daher, aus der Wohnung zu bekommen. Dafür sollte man sich fachmännische Hilfe holen, rät Pilgramm. Um Schimmel dauerhaft loszuwerden, muss man vor allem richtig lüften, um die Feuchtigkeit aus den Räumen zu bekommen. Pro Stunde sollte etwa die Hälfte der Raumluft einmal ausgetauscht werden. Das ist mitunter schwer zu machen, technische Lüftungsanlagen können helfen. Für den Luftaustausch könnte Schlafen bei offenem Fenster gut sein. Ist es draußen aber kalt, ist die Luft sehr trocken und das belaste Schleimhäute und Atemwege. Bleibt das Fenster zu, kann die Konzentration von Kohlendioxid (CO2) zu hoch werden. Die Folge: Man fühlt sich morgens oft noch müde und abgeschlagen und wacht mit Kopfschmerzen auf. Zu den Risikofaktoren gehören aber auch Aspekte wie die Qualität des Wohngebietes, die Einrichtung und Beleuchtung der Räume oder Schadstoffe, die in Möbeln, Teppichen oder Tapeten stecken, um nur einige weitere zu nennen. Der Mediziner allein könne hier nicht helfen. Architekten, Innenarchitekten, Baubiologen und Mediziner müssen ihre Einsichten teilen und gemeinsame Lösungen erarbeiten. Die könnten beispielsweise im sogenannten "Smart Home" liegen, wie Professor Dr. Klaus Fiedler in seiner Laudatio für Pilgramm erklärte. Gelüftet wird automatisch, wenn es die Raumluft erfordert, auf der Toilette werden Stuhl und Urin regelmäßig vom Computer untersucht, intelligente Teppiche bemerken, wenn Personen gestürzt sind. Das klingt einerseits praktisch, andererseits auch bedrohlich: Die Wohnung wird zum "Big Brother", bringt es Fiedler auf den Punkt. Fiedler ist in Sachen Wohnmedizin Pilgramms Mentor. Fiedler selbst erhofft sich nun weitere Impulse für die wohnmedizinische Forschung aus Detmold. Die Ergebnisse der von Pilgramm initiierten "Detmolder Riechstudien" wurden bereits wissenschaftlich viel diskutiert. Die nächste Studie soll am "Tag der offenen Tür", 23. April, in der Hochschule durchgeführt werden. Freiwillige sollen dann wieder im Dienst der Wissenschaft bestimmen, wann sie den Geruch eines bestimmten Stoffes wahrnehmen und ab wann er als störend empfunden wird. Manfred Pilgramm ist bereits seit 2010 als Lehrbeauftragter für Wohnmedizin an der Hochschule in Detmold tätig. Zuvor hatte er eine umfangreiche Fortbildung inklusive Praktikum absolviert. Alljährlich veranstaltet Pilgramm in Detmold das "Wohnmedizinische Symposium" mit Fachleuten aus ganz Deutschland. Eine Honorarprofessur sei eine sehr seltene Verleihung, betonte Hochschulpräsident Dr. Oliver Hermann, in den vergangenen fünfeinhalb Jahren gab es nur zwei weitere.

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