1. Mit Kalkül, Poesie und einem inneren Leuchten

    Soloabend mit dem russischen Pianisten Evgeni Koroliov im Konzerthaus der Hochschule für Musik

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    Detmold (kh). Unauffällig. Farblos. Zurückhaltend. Adjektive wie diese könnten es sein, die dem ein oder anderen Konzertbesucher unwillkürlich in den Kopf geraten, während sein Blick Evgeni Koroliov auf dem Weg zum Flügel folgt. Ein feines Lächeln umspielt die Lippen des Pianisten – irgendwie sanft geerdet, durchgeistigt. So, als könnte ihn nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen. Oder anders herum ausgedrückt: Ein Mann fürs werbewirksame Posieren im Scheinwerferlicht ist der schmalschultrige Herr mit Brille ganz sicher nicht.

    Was im Übrigen nichts zur Sache tut. Denn ehe solcherlei Gedanken zu Ende gedacht sind, hebt Koroliov zu spielen an. Und was man nun erlebt, ist alles andere als farblos und unauffällig. Sondern eine pianistisch einzigartige Erscheinung. Zu hören ist ein grandioser Denker am Klavier. Ein eminent reflektierter Musiker, der das 4. Meisterkonzert der Hochschule für Musik zu einer musikalisch-intellektuellen, aber dennoch nicht verkopft-studierten Unternehmung werden lässt. Analytische Tiefenschärfe György Ligeti, dem das Konzert anlässlich des 10. Todestages gewidmet ist, dereinst gefragt, welche CD er auf eine einsame Insel mitnähme, entschied sich vehement für "Koroliovs Bach". Und eben jenen Johann Sebastian Bach hatte der russische Pianist an den Beginn seines sinnreichen Programms gestellt. Von Bachs "Die Kunst der Fuge" aus schlug er einen Bogen über Bartók, Chopin und Debussy bis hin zu Kurtág und Ligeti, um am Schluss wieder zurück zu Bach zu kommen. Mit großer Ruhe und Intensität sowie einer ausgereiften Anschlagskultur, die jede Nuance von Bachs Ideenreichtum zu zeigen imstande ist, durchdringt Koroliov die verschachtelten Linienzüge der Bachschen Fugen – und man wäre Ligeti nur allzu gerne auf seine Insel gefolgt. Ein resoluter Zugriff voller agogischer Freiheiten, der Strenge und Architektonik des Werkes hörbar macht und die dieser Musik innewohnende ordnende Kraft zum Klingen bringt. Sorgen, dass eine derart analytische Klarheit die emotionale Schönheit der Musik in den Hintergrund stellen könnte, erwiesen sich als unbegründet. Nie ist Koroliovs Bach steriles Konstrukt, sondern immer Klang: lebendig durchdrungen von einer ganz natürlichen Wärme. Schwerelos. Still genießend. Nicht nur für Bach-Junkies Was der Thomaskantor der Nachwelt aufgegeben hat und wie seine Nachfolger das Erbe nutzten, wie Regeln und Bezüge musikalischer Formen vom Barock bis zur Neuzeit Entsprechungen finden, macht Koroliov im weiteren Konzertverlauf vernehmbar. Werke, die stilistisch wenig zu verbinden scheint, setzt er einsichtig zueinander in Beziehung. Wie von Bach her gedacht, klingt die Koroliovsche Interpretation der beiden Etüden aus den "Trois nouvelles études" von Frédéric Chopin. Ohne Sentiment macht er Strukturen wie mit einer akustischen Lupe deutlich und doch hört man verblüfft, wie einfühlsam die Auslegung gleichzeitig ist. Ohne effekthascherische Attitüden, organisch ausbalanciert und mit Gespür für Zeit und Rhythmus verleiht er den Chopinschen "Übungsstücken" ein inneres Leuchten. Es wundert nicht, dass auch sein Debussy-Spiel geprägt ist von Klarheit. Nicht als impressionistische Schaustücke legt er "Etude" und "Prélude" an. Geistvoll und sinnlich führt Koroliov das mucksmäuschenstill lauschende Auditorium ins Innere des Klanggewebes. Zusammengeführt in meisterhafter Balance verbinden sich Wissen und Intuition, Kalkül und Poesie zu einer existenziellen Aussage. Zuvor schon – pianistisch empfindsam-intelligent aufgefächert – Werke von Bartók, Kurtág, Ligeti: schlichte, abstrakte, klangmalerische, folkloristische Kompositionen. Akkorde so angeschlagen, dass die innere Anspannung, der Aufbau, die Harmonien überwältigend deutlich werden. Jede Tonfolge, jede Passage wird in feinnerviger Bewusstheit vollzogen. Durchleuchtet wie unter einem Röntgenschirm. Dann wieder spielerisch tändelnd, mit sichtlichem Spaß an Rhythmus und "Drive". Alles durchdrungen von gefühlsstarkem Strahlen. Ohne Effekthascherei und Exzentrizitäten Standen eingangs Ausschnitte aus Ligetis "Musica ricercata" auf dem Programm, spielte Koroliov später vier seiner Etüden. Hochvirtuos und ungemein komplex sind sie und bei aller Emotionalität radikal unpathetisch. Die Ausdrucksmittel werden zunehmend dichter, Klänge und Rhythmen hitziger. Gedanken blitzen auf, stürzen übereinander. Und der Herr am Steinway? Behält da, wo anderen bereits beim Anblick der Noten der Schweiß ausbricht, mit Präzision, atemberaubender Technik und kühlem Kopf stets jene Art von Überblick, bei dem das Detail wie das Ganze in gleichem Maße scharf konturiert hervortritt. Nach diesen pianistischen Mirakeln kehrt Koroliov zurück zum Anfang. Zurück zu Bach. Zurück zur "Kunst der Fuge". Was folgt, ist nur noch die von Koroliov unvermittelt abgebrochene, weil unvollendete "Fuga a 3 Soggetti". Voran geht ein immens intensives Spiel, ganz dem Moment hingegeben, von bezwingender Beseeltheit. Und zum ersten Mal an diesem Abend spiegelt sich diese Intensität nicht nur im Klang, sondern auch in Koroliovs Gesichtszügen wider. Weiter und weiter schraubt sich die Musik. Dann jählings Stille. Gefolgt von lang anhaltendem Applaus. Jetzt noch eine Zugabe zu spielen – unmöglich. Denn mehr geht nicht. Mehr kann man nicht wollen. Auf Koroliovs kleinteiliger Reise durch die Epochen und Stile mitzuhalten, ist selbst mit Wissen um die Zusammenhänge nicht immer einfach. Doch je länger man ihm zuhört, desto mehr unterliegt man dem Reiz seines Zugangs. Koroliovs Spiel birgt hohes Anziehungspotenzial, sofern man sich ihm vertrauensvoll überlässt. Ist man offen gestimmt und fragt nicht "Was soll das? Was soll dieses – im doppelten Wortsinne – Spiel mit manchmal nur zwei, drei Tönen?", dann avancierte der Abend zu einem jener, die weiter klingen, auch nachdem der letzte Ton verhallt ist. Wurde zu einem gehaltvollen Konzert mit vielen bereichernden Facetten, dank eines Pianisten, der Einblicke ins Innerste der Werke gewinnen lässt wie kaum ein anderer. Eigentümlich, lebensvoll, krass. Nichts, dessen man mal eben en passant teilhaftig werden kann.

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