WUNSTORF/LOCCUM (jan). Engagierte Wunstorfer Schüler in ihrem Engagement zu bestärken ist das, was das Projekt "Mach mit!" erreichen will. Zu einem Workshop zu Hintergründen der europäischen Flüchtlingssituation sind solche Schüler in die Evangelische Akademie Loccum und ins Gespräch mit Flüchtlingen gekommen. Tanzend steht eine Gruppe überwiegend junger Menschen mitten auf dem Uhlhornweg in Loccum.
Irgendwo auf der Hecke liegt ein Smartphone, aus dem syrische Klänge schallen. Mal tanzen sie in langer Reihe, schwenken die Beine nach rechts, nach links, lachen schallend, wenn sich jemand in dem Rhythmus verhaspelt. Dann wieder gehen sie zum Tanz als Paare über. Alle schauen neugierig auf Boushkin und seine Mutter Nowzat, die es vormachen, wie diese Musik in Bewegung umgesetzt wird. Niemand scheint in diesem Moment wirklich Lust zu haben, die Musik auszumachen und in den Seminarraum zu gehen. 20 Minuten später, nun doch im Seminarraum: da sitzen Boushkin und Ibrahim und erzählen aus ihrem Leben in Syrien. Ibrahim berichtet von dem Tag vor zwei Jahren, als er mit seinem Vater in Aleppo auf einem Viehmarkt war. Sein Vater ist Schäfer, die Familie wohnt unweit Aleppos in einem Dorf. Da kam dieses Flugzeug an. Dann fielen Bomben. Eine habe ihn verletzt, sagt Ibrahim. Wie sehr ihn diese Bombe verletzt hat, wird erst klar, als er von sechs Stunden Operation erzählt, von einem Monat im Krankenhaus, drei weiteren Monaten zu Hause im Bett und als er sagt: "Dann habe ich entschieden, dass ich weggehen muss." 17 Jahre alt war er damals. Für Deutschland entschied er sich, weil er dort schon Verwandte hatte. Die wichtigste Frage für ihn war, ob er dort studieren könne. Seinen Eltern sagte er zum Abschied: "Ihr müsst euch keine Sorgen machen." Boushkins Geschichte ist eine andere und doch wieder ganz ähnlich. Der 18-Jährige erzählt von seinem Leben in Aleppo – Bilder einer wunderschönen Stadt wirft er auf die Leinwand. Die nächsten Bilder – solche, die Boushkin selbst gemacht hat – zeigen die Straße, in der er gelebt hat. Trümmer überall auf dieser Straße, zerstörte Häuser, fliehende Kinder, verschüttete, verletzte, schreiende Menschen. Schließlich Tote. Alles in der Straße, in der Boushkin gelebt hat. Bilder, die er dort gesehen und fotografiert hat, weil er meinte, dass die Welt das sehen müsse. Während Boushkin diese Bilder zeigt beginnt seine Mutter leise zu weinen. "Aleppo war so schön", sagt sie, "was wir alles verloren haben: unser Zuhause, so viele Freunde." Nowzat bleibt mit ihren Tränen nicht allein. Auch bei vielen der Jugendlichen, die rundherum sitzen, fließen Tränen. So nah sind sie dem Bürgerkrieg in Syrien, dem Schmerz um eine verlorene und zerstörte Heimat, noch nie gekommen. Tränen fließen auch bei der letzten Sequenz, die Boushkin zeigt. Der Moment an der Grenze zu Deutschland, als ein Bus ankommt, aus dem seine Mutter aussteigt. Boushkin steht bereits wartend dort. Er ist allein geflohen aus Syrien, weil er wegen seiner Fotos verfolgt wurde. Ist nach Deutschland gekommen und hat gewartet. Gewartet auf seine Mutter, die er dann schließlich an der Grenze in die Arme nehmen durfte. Am Tag darauf sitzt die Gruppe erneut in dem Seminarraum. Nun erzählen Jugendliche aus Deutschland, was sie machen, wie sie solchen Flüchtlingen wie Boushkin, Nowzat und Ibrahim helfen wollen. In einem Workshop der Schülervertreter des Hölty-Gymnasiums sei die Idee entstanden, mit Flüchtlingskindern zu spielen, erzählen zwei der Jugendlichen. Das wird dort mittlerweile an unterschiedlichen Orten gemacht, Kinder werden abgeholt, über das gemeinsame Spiel lernen sie vieles über deutsche Kultur und auch Sprachbarrieren werden mehr und mehr abgebaut. Einer der Jugendlichen spricht von "seinen drei kleinen Tschetschenen". Berichtet von Erfolgen, von der Beziehung, die er zu ihnen aufgebaut hat, erzählt auch von Problemen und davon, wie sie gemeinsam etliche davon meistern konnten. Dass es sehr viele Jugendliche waren, die sich für das Projekt interessierten und sich rund 78 Schüler verpflichtet haben, solche Spiel-Stunden anzubieten, hat anfangs alle überrascht. Dass es gut läuft, hängt wohl auch damit zusammen, dass viele in Wunstorf kooperieren: die Stadt selbst ist mit im Boot, das Projekt "Kurze Wege" der Evangelischen Jugend im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf und die Schülervertretung des Hölty-Gymnasiums. Mit dem Workshop in der Evangelischen Akademie Loccum sollten Schüler noch einmal Gelegenheit bekommen, Hintergründe zu erfahren, Begegnungen mit Flüchtlingen zu bekommen und auch Zeit, darüber nachzudenken, was sie womöglich noch tun mögen, um diese Menschen aufzunehmen und ihnen bei der Integration zu helfen. Foto: jan
