Bielefeld (rh). Als aus Vater Egeus, der starr an den Heiratsplänen für seinen Sohn Demetrius mit Hermia festhält, der Kobold Puck als Doppelpack entsteigt, ist spätestens klar: im Bielefelder Stadttheater kommt eine originelle, kreative und doch im weitesten Sinne werkgetreue Shakespeare-Interpretation auf die Bühne. Regisseur Christian Schlüter und seinem Dramaturgen Dariusch Yadzdkhasti ist ein großer Wurf gelungen, indem sie die drei Handlungsszenarien des Stückes auch dadurch miteinander verbinden, dass die Schauspieler durch Veränderung weniger Accessoires von einer Rolle in die andere schlüpfen konnten.
Viele Details erinnerten an die Nachkriegszeit: Oberon im Elvis-Look, die Freizeitkleidung der verliebten jungen Damen und Herren, die vom Puck beigesteuerte Begleitmusik ("Bruttosozialprodukt"): Alles zusammen eine köstliche Persiflage auf vor einigen Jahrzehnten vorhandene gesellschaftliche Realitäten, und damit eine höchst vergnügliche Aktualisierung William Shakespeares, der seinerseits seiner eigenen Zeit den Spiegel im scheinbar zeitlosen Sommernachtstraum vorhielt. Aber der Reihe nach. Theseus und Hippolyta wollen im alten Athen Hochzeit machen und dazu ein großes Gelage geben, bei dem auch ein Theaterstück zur Aufführung kommt. Das wird von biederen Handwerksgesellen heimlich im Walde geprobt, damit es nicht zu früh in der Öffentlichkeit bekannt wird. Thema: die aus Ovid bekannte bittersüße Liebesgeschichte von Pyramus und Thisbe. Da die Väter gegen eine Hochzeit sind, verabreden sich die Liebenden durch ein Loch in der beiden Häusern gemeinsamen Wand am Grab des babylonischen Königs Ninus. Die zuerst eintreffende Thisbe wird von einem Löwen verscheucht und verliert dabei ihren Umhang, den der Löwe mit von seiner letzten tierischen Mahlzeit blutverschmiertem Maul zerfleddert. Pyramus zieht daraus den falschen Schluss, Thisbe sei verspeist worden, und sticht sich das Schwert in den Leib. Die aus ihrem Versteck zurückkehrende Thisbe findet den sterbenden Pyramus und bringt sich ihrerseits um. Diese Handlung hat eine Parallele bei Lysander und Hermia, die sich ebenfalls im Wald verabreden, weil Hermias Vater Egeus sich den ihm ergebenen Demetrius als Schwiegersohn wünscht. Aber der Wald ist das Reich der Elfen und Zauberwesen, und da regiert Oberon, der seiner Titania einen Streich spielen will und seinen getreuen Puck beauftragt, eine Pflanze mit Zauberkraft zu besorgen. Doch der versorgt damit die "Falschen": der eitle Handwerker-Schauspieler Zettel wird in einen Esel verwandelt, in den sich dann Titania verliebt; Lysander hingegen kommt seine Liebe zu Hermia abhanden und verliebt sich in Helena, die ihrerseits nur Augen für Demetrius hatte. Am Ende wird der Zauber gelöst, und alle Paare finden sich. Oberon findet "extatisch high" zu seiner Titania, und Theseus ebenso zu seiner Hippolyta: die Rollen gehen fließend ineinander über und werden von Georg Böhm und Nicole Lippold mit angemessener Laszivität überzeugend verkörpert. Jan Sabo (Demetrius) gefällt als Schwiegerpapas Liebling, Felicia Spielberger (Hermia) als ungehorsame Tochter. Guido Schikore ist mit überzeugender Mimik ein Lysander, der, natürlich dank des Zaubers, urplötzlich von Hermia zu Helena (Denise Matthey) überschwenkt. Diese, verliebt in Demetrius und lange Zeit ohne Gegenliebe, weiß ihrerseits ausdrucksstark zwischen groupiehafter Verehrung und Hass aus Enttäuschung zu wechseln. Die braven Handwerker können allesamt dadurch glänzen, dass sie jedwede möglichen Fehler, die man auf dem Theater so machen kann, kultivieren, vor allem, wenn sie ihre Rolle nicht verstehen (so "Minusgrad" statt "Ninus Grab"): Lukas Graser als schüchterner Löwe (well roar’d!), Niklas Herzberg als Wand inklusive durch gespreizte Finger dargestelltem Loch, Janco Lamprecht als Thisbe und Thomas Wehling als Pyramus, die gemeinsam das Loch im Bereich der Lenden des Wanddarstellers suchen (und finden?), um sich wispernd zu verabreden. Den Prolog verkörpert die enorm wandlungsfähige Christina Huckle mit Schnauzbärtchen als Peter Squenz, der auch Chef der dilettierenden Handwerkertruppe ist. Hier nimmt sich das Theater selbst auf die Schippe: man erlebt einen Regisseur, der bei den Proben den Schauspielern ständig ins Wort fällt und es immer ein wenig anders haben möchte ... aber den gibt es natürlich nicht in Bielefeld! Korrespondierend dazu gibt Thomas Wehling (Zettel/Pyramus) mit der gebotenen Übertreibung den Schauspieler, der meint, beinahe jede Rolle für sich reklamieren zu können. Worauf mag dann wohl die einmal gewählte Bezeichnung "Klaus Maria Zettel" anspielen? Kulturbeflissene werden es erahnen ... In den Sterbeszenen Pyramus’ und Thisbes ist ein wenig vom Wortwitz Shakespeares verloren gegangen, aber das wurde durch Mimik und Gestik bestens ausgeglichen. Christina Huckle zeigt sich, wie bereits erwähnt, überaus wandlungsfähig: Wenn sie den Handwerker-Pullover auszieht, wird sie zur männlichen Hälfte des Puck und erfreut sich am selbst angerichteten Schabernack, mit lila Schulterklappen wird sie zur Elfe, die zusammen mit ihrem geflügelten weiblichen Pendant Isabell Giebeler Titania in den Schlaf zu singen versucht. Da wird Titania so "high", dass sie sich in einen Esel verliebt, in den Zettel während der Proben im Walde verwandelt worden war und der dann wie Hape Kerkelings Horst Schlämmer sprach ... Isabell Giebeler als die weibliche Hälfte des Puck sorgte für ein weiteres Glanzlicht dieser Aufführung. Zusammen mit Christina Huckle ver- und entwirrt sie das turbulente Geschehen auf der Bühne, die durch Anke Grot so effizient eingerichtet worden war, dass es keine Pausen für Umbauten geben musste. Dank der Drehtechnik konnte vom herzoglichen Hof fließend "übergeblendet" werden auf den Wald, über dessen Dach eine Kugel als Warte und Liebesnest des Elfenkönigs gleichsam zu schweben schien. Auch die Kostümwahl war in sich stimmig und schlug anschaulich die Brücke zur jüngst vergangenen Gegenwart. Dazu passte bestens, dass sich Theseus und Hippolyta – oder waren es Oberon und Titania? – das Stück von Pyramus und Thisbe aus dem Zuschauerraum ansahen und kommentierten. Alles in Allem: eine absolut sehenswerte Inszenierung, die einen Besuch im Bielefelder Stadttheater zu einem sehr vergnüglichen Abend werden lässt! Oder um mit Shakespeare zu sprechen: with fairy grace will we sing and bless this place!
