1. Wenn die Füße erst mal kalt sind

    Kabarettist Kai Magnus Sting erobert Klostersaal

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    Lügde (afk). Die Politik bleibt an diesem Abend bewusst draußen. "Das sollen andere machen", gibt Kai Magnus Sting, der Schnellsprecher unter Deutschlands Kabarettisten, schon beim Sprung auf die Bühne im vollbesetzten Klostersaal die Marschrichtung vor. "Immer ist was, weil sonst wär ja nix"– in seinem neuen Programm durchlebt der Duisburger die großen und kleinen Katastrophen des Alltags, die wir alle kennen: immer ist was mit der Familie! Immer ist was mit den Nachbarn! Immer ist was im Büro oder wie der Duisburger so neudeutsch sagt "Auf der Maloche"! Nie geht alles glatt.

    Sting nimmt die Zuhörer von Beginn an mit in seine Erinnerungswelten. Doch nur Kopfnicken und artiges Beifallklatschen lässt den stets schlagfertigen Berufskomiker rätseln, dann kurz verstummen und die Frage stellen: "Aber reden könnt ihr in Lügde schon?". Das Eis ist schnell gebrochen, als Sting von seiner Kindheit in Duisburg und von den Weisheiten seiner Oma und Nachbarn erzählt, die so hätten auch in Lügde passieren können. "Wenn die Füße erst mal kalt sind…", die Weisheit seiner Großmutter ließ Kai Magnus Sting schon mit fünf Jahren verängstigt nach unten schauen, und er habe das Rätsel bis heute nicht lösen können. Das habe ihn durchaus belastet, hofft er auf Mitleid. "Das Brot von heute ist morgen schon von gestern". "Man steckt nicht drin, man weiß es nicht". Er habe diese Botschaften der alten Generation immer wieder hören müssen, gerade in Duisburg sei dieses "Gerede" weit verbreitet. Er baut das Publikum in seine Handlungen mit ein, er springt von einem Problem zu einem ganz anderen. Er habe als Kind und auch heute noch eine Abwehrhaltung für Gulaschsuppe aufgebaut, obwohl seine Tante es gut mit ihm meinte. Alle hätten es nur gut mit ihm gemeint, sein Sportlehrer und besonders sein Arzt, der ihm mehr Bewegung und gesunde Ernährung verordnen wollte. "Dabei bezahle ich doch den Arzt", hat er eine Abneigung gegen den Chef im weißen Kittel. Es werde gefährlich, wenn Ärzte die Sätze nicht zu Ende sprechen. Ein "Oh" bedeute schon ein Gespräch mit seinem Kreditberater bei der Bank. Sein Motto zur Fastenzeit: Ich verzichte auf den Verzicht. Ich verzichte auf den knackigen Salat mit Putenbruststreifen. Sting erinnert sich an seine Schulzeit mit Leberwurstschnitte und der Vanillemilch, skizziert nur ganz kurz in atemberaubender Schnelligkeit die Dekorationswut seiner Ehefrau und das stetige Umstellen von Kommoden, dabei möchte er im Stil von Loriot doch nur sitzen und gemütlich eine Zeitung lesen und erinnert sich dann mit dem letzten Atem an die Aussage seiner Großmutter von den kalten Füßen - und an die Gulaschsuppe, die er nicht mag ... Männer unterscheiden sich von Frauen: "Wir können einfach nur sitzen, hecken auch nichts aus, wir genießen das, das ist unser Paradies." Die Zuhörer johlen und klatschen. Jetzt ist die Stimmung da. Beinahe scheint es so, als könnten sie den Gag des Schnellsprechers Kai Magnus Stieg wie bei einem hallenden Echo im Gebirge erst Sekunden später richtig einordnen. Aber so liebt der Duisburger sein Publikum, geht mit ihnen zurück in seine Kindheit der achtziger Jahre, als Fernsehen noch Fernsehen war, wo "Mainz bleibt Mainz" noch ein Karnevalsereignis war, mit Bowle für die Oma und Bier für den Vater, Nudelsalat, Salzstangen und Konfetti für alle. Natürlich kannten ganz viele noch die Tagesschau mit Wilhelm Wieben. Stieg sieht jeden Sonntag den "Tatort", vorher geht es in die Badewanne, es ist ja Sonntag. Er schießt auf die Privaten. Er wolle den Superstar nicht suchen, erst recht keine Schwiegertochter. "Bauer sucht Frau – wofür? Obwohl in Lügde ...?" Der Saal tobt vor Vergnügen. Er wohnt im schönen Duisburg. "Dabei bin ich eigentlich einer von euch, denn ein Vater stammt aus Bad Pyrmont", schiebt er einen Werbeblock für die Kurstadt ein und hebt deutlich das Wort "Bad" heraus, mit seinen Palmen, dem Kurpark, den schönen alten Leuten ... Er stellt sich selbst auf eine Stufe mit Willi Millowitsch, Elvis Presley und David Bowie. "Wir haben am gleichen Tag Geburtstag." "Wir hatten ja früher wenig, manchmal sogar nichts". Pause – erstes Gelächter, einige nickten zustimmend und standen sofort im Rampenlicht, als sie ihre Verpflegung von Graupensuppe bis Pellkartoffel oder Steckrübe aufzählten. "Sitzt hier die Kriegsgeneration? Habt ihr auch jüngeres Gemüse?" Es war ein sehr unterhaltsamer Kabarettabend – auch ohne politische Themen und beim Schlusswort gab er allen noch einen wichtigen Rat mit auf den Heimweg. "Schauen Sie auf Ihre Füße, denn wenn die erst einmal kalt sind…".

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