Bielefeld (ame). Die Oper "Dog days" von David T. Little feierte Premiere in Bielefeld. Neue Musik und zeitgenössische Oper in allen Ehren - diese Oper ist einzigartig. Little, so lautete es in der Vorankündigung, verwebe in seiner ganz eigenen Musiksprache die Elemente der amerikanischen Klassik und Moderne mit Sounds aus den Bereichen der Independent-, Rock- und Heavy-Metal-Musik, ergänzt durch Soundeinspielungen.
Das klingt nicht nach Entspannung, aber der Abend (musikalische Leitung Merijn van Driesten, Inszenierung Klaus Hemmerle, Bühne und Kostüme Tilo Steffens, Choreographie Dirk Kazmierczak, Dramaturgie Daniel Westen) war eben auch nicht, wie vielleicht erwartet, mit Dissonanzen verwürzt. Zu hören war eine reiche Soundkulisse - stimmig und auf eine besondere Weise harmonisch. Little kreiert damit einen Klang, der nichts von der Handlung vorwegnimmt. Die Musik spiegelte immer in Echtzeit die Atmosphäre und das auf bezwingende Weise. Musik kann Selbstzweck sein. Das ist sie sogar meistens. Dann klingt sie vielleicht einfach schön und wenn auch die Unmusikalischsten von uns sie auf dem Heimweg summen können, hat sie wahrscheinlich das Potenzial für großen Erfolg. Bei "Dog Days" können wir garantiert nicht mitsummen - obwohl ... An der Stelle, wo ein einziger Ton über Minuten gehalten wird und das auch noch am Ende, da könnte es leicht gelingen. Aber niemand würde es wollen. Musik kann auch untermalen. Filmmusik tut das ständig. Aber sie nimmt dann eben auch häufig das Geschehen vorweg. Sie kündigt es an. Die Musik in Dog Days ist anders. Sie wird zu Luft, die wir atmen, bis sie uns so erfüllt, dass wir mit ihr eins werden. Dabei werden Gefühle angetriggert und nicht gerade die schönsten. Es sind eher die längst vergessen Gefühle aus Tagen, an denen wir abends vor dem Schlafengehen lieber noch schnell unters Bett guckten. Als Kind hat Angst eine andere Qualität. Kinder haben noch keine Erfahrung darin, dass sich selbst große Probleme oft lösen lassen. Sie kennen noch keine Konzepte, haben keine erlernten Strategien. Und genau an der Stelle dürfen wir uns bei "Dog Days" wieder fühlen, wie ein Kind. Denn auch die gezeigte Situation auf der Bühne lässt sich mit dem Erlernten nicht mehr bewältigen, denn wir befinden uns mitten in einer Ausnahmesituation. Die einzige Strategie ist das Warten - ohne zu wissen worauf. Die Geschichte handelt von einer amerikanischen Familie. Mutter (Melanie Kreuter), Vater Howard (Yoshiaki Kimura) und drei Jugendliche; Lisa (Nienke Otten) und ihre Brüder Pat (Lianghua Gong) und Elliot (Max Friedrich Schäffer). Der Umgangston ist rüde. Ums Haus herum schleicht ein Hund (Omar El-Saeidi). Bald erfährt der Zuschauer, dass dieser Hund kein Hund ist. Er ist ein Mann im Hundekostüm und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch die Rolle selbst ist so angelegt. Die scheinbare Idylle an der Familientafel währt keine Minute. Schon bald begreift der Zuschauer, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Erfolglosigkeit des Vaters bei der Jagd hat nichts mit ihm zu tun. Es gibt keine Tiere mehr im Wald. Später singt die Tochter davon, dass nicht einmal die Grillen zirpen. Totenstille breitet sich aus. Es gibt auch keine Elektrizität. Anfangs wartet die Familie noch auf die Essensration, die ihr rosinenbombermäßig via Hubschrauber geliefert wird. Doch eines Tages ist in dieser Kiste nur noch heiße Luft. Aber in dieser Luft ist etwas Unbekanntes. Und dann beginnt die echte Grenzerfahrung, die die Frage aufwirft, wie weit Menschen gehen, wenn sie dem Hungertod ausgeliefert sind. In "Dog Days" endet die Tragödie mit Kannibalismus. Das Leid wandelt sich zu Grauen, dem Grauen folgt das Verbrechen. Die Oper lehnt sich sehr an die Jetztzeit an. Das macht sie so wichtig und es macht sie fast unerträglich. In der Kurzgeschichte von Judy Budnitz, die der Oper zugrunde liegt, werden die beiden Brüder vom Militär lediglich zu Hause abgeliefert, nachdem sie in leer stehenden Häusern nach Essen gesucht, aber dort nur tote Menschen gefunden hatten. In der Oper will das Militär die Brüder anwerben und ein Soldat (Noad Becker) lockt Vater Howard mit Essen und Sicherheit. Man beginnt nachempfinden zu können, wie verführerisch ein solches Angebot sein kann. "Du warst nicht vorbereitet, Howard", wirft der Soldat dem Familienvater vor. Das ist eine böse Passage, denn natürlich stellt sich das Publikum sofort die bange Frage, wie man sich denn wohl auf eine solche Ausnahmesituation vorbereiten soll. Die Frage ist hypothetisch ... Nienke Otten hatte die größte Rolle des Abends, aber es ist müßig, die Sängerinnen und Sänger einzeln zu loben - sie waren alle miteinander großartig. Wie kann man nur solche Musik so eindringlich singen? Es war fantastisch! Schauspielerisch war die Szene, in der Tochter Lisa mit ihrem Spiegel spricht, für Nienke Otten sicherlich am anspruchsvollsten. Aber es gab auch Szenen, in denen sich Lisa in der Ecke ihres Zimmers an die Wand lehnte und sang, ohne viel zu "spielen". In solchen Momenten griff die Musik nach dem Zuhörer, zog ihn hinein in die emotionale Schwingung der Situation. Wie in einem Flashback reiste man duch die Zeit und erinnerte sich an Gefühle, die man selbst als Jugendlicher gehabt hatte. Die ungewöhnliche Tonfolge spiegelte auch die innere Zerrissenheit. Man ging also mit. Oder das Brummen. Ein Brummton, der von der Macht des Militärs ausging. Mit einem solchen Brummen kann man nicht diskutieren. Es legt alles lahm. Man hört es und wartet, wie das Kaninchen vor der Schlange, auf das, was als nächstes kommt - es kann nur ein Befehl sein und man weiß, dass man sich ihm nicht wird widersetzen können. Dieser eine Ton fasst durch seine hypnotische Wirkung das Gefühl der Ohmacht zusammen. Handlungsunfähigkeit wird zu totaler Starre. Man agiert nicht mehr. Man reagiert nur noch. Das ist das Ende der Freiheit. Die Musik hüllt den Zuhörer ein, wie eine Wolke und hebt ihn fort, führt ihn von Stimmung zu Stimmung. Das geht über ein Konsumieren von Musik weit hinaus. Man lebt die Situation mit. Die eigenen Emotionen werden durch den Klang verwandelt - man kann hier keinen Abstand gewinnen, der einem die Sicherheit von Distanz bieten könnte. Der Zuhörer ist durch diese Klänge immer mitten im Geschehen. Man kann "Dog Days" auch nicht ansehen und danach zur Tagesordung übergehen. Die Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen zu sehr. Auf dem Heimweg liegt eine Straßensperre. Für eine Straße, in der doch sonst nie irgendetwas - ? Nur für den Bruchteil einer Sekunde taucht der Gedanke "Was wäre, wenn" auf. Es fühlt sich nicht gut an ... Es hallt zu viel nach. Empfehlung: Ansehen. Zusatz: Nicht alleine gehen, denn nach einem solchen Abend möchte man sich austauschen. Theater soll zum Nachdenken anregen. Mit "Dog Days" ist das Nachdenken noch Tage später Programm.
