LOCCUM (jan). "Neue Konflikte, neue Friedensethik?"– Unter diesem Titel hatte die Evangelische Akademie Loccum zu einer Tagung zu sich eingeladen. Spannungsvoll, intensiv und sehr kontrovers ist ein Wochenende lang diskutiert worden.
Das Fenster der Kirche in die Gesellschaft – so hat der ehemalige Landesbischof Hanns Lilje die Aufgabe der Evangelischen Akademie Loccum vor mehr als 60 Jahren umrissen. Eng an diese Vorgabe hat sich auch diese Tagung angelehnt, allein schon mit der Frage danach, welche Orientierung die evangelische Kirche Politik und Gesellschaft in Zeiten "neuer Konflikte" bieten kann. Ein Expertenkreis aus rund 70 Menschen, die sich mit Friedensfragen auf vielen Ebenen oft schon seit Jahrzehnten auseinandersetzen, ist dafür zusammen gekommen. Dass die Frage nach dem Umgang mit diesen "neuen Konflikten" keine einfache ist, dass sie viele – zu viele – Aspekte hat, um sie alle an einem Wochenende wenn auch in illustrem Kreis auch nur anzureißen, geschweige denn sie abschließend behandeln zu können, ist vermutlich im Vorfeld bereits den meisten Teilnehmern klar gewesen, wenngleich sich bei manchen in der Abschlussrunde leichter Frust bemerkbar machte, weil deren jeweiliges Spezialgebiet vielleicht ein wenig kürzer kam als andere. Drei Thesen hat Martin Schindehütte, Vorsitzender der ExpertInnenrunde Friedensarbeit in der Landeskirche Hannovers und ehemals Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dennoch gegen Ende der Tagung aufgestellt. Es sei deutlich geworden, wie Konflikte sich wandeln, dass sie immer komplexer werden und dass zunehmend Akteure jenseits von Macht und Staat eine Rolle spielten. Das verschärfe sowohl die Lage als auch die Handlungsmöglichkeiten. Eine zunehmende Schwäche des Rechtsbewusstseins, einhergehend mit fehlendem politischem Willen, war seine zweite These. Verfassungen könnten nur gelten, wenn sie auch verinnerlicht würden. Dass keine neue Friedensethik benötigt werde, dass die bestehende gut und bewährt sei, und es im Prinzip "nur" um die Anwendung der bestehenden Friedensethik gehe und dass Friedensarbeit über das Recht hinausgehen müsse, war seine letzte These. Gefordert seien nun vermehrt die Zivilgesellschaften in diesen Zeiten, in denen staatliche Strukturen schwächer würden. Wenn das der Schlüssel zum Frieden sei, dann seien Kirchen gefragt. Kirche müsse auf allen Ebenen – angefangen in den Gemeinden bis auf internationaler Ebene – Prozesse auslösen, die zu einer Auseinandersetzung mit dem Frieden führen. Das aber, betonte Schindehütte, müsse nicht in Form von Denkschriften geschehen. Vielmehr gehe es darum, dass Kirche – in diesem Zusammenhang nannte er die EKD –öffentlich mit allen Akteuren rede und das wiederum nicht aufgebaut auf einer Friedensethik "die alles schon weiß", sondern in offenen Gesprächen. Gegenwind zu dieser letzten These bekam Schindehütte von Prof. Dr. Arnulf von Scheliha vom Institut für Evangelische Theologie an der Universität Osnabrück. Kirche könne Signale geben, sagte dieser. Daraus zu schließen, dass diese Signale politische Prozesse in Gang setzten, grenze an Selbstüberschätzung und sei außerdem den demokratischen Prozessen gegenüber schwierig. Die von Schindehütte angesprochenen Zivilgesellschaften, denen eine wichtigere Rolle zukommen solle, seien außerdem nicht etwas einseitig Gutes. Schließlich gehöre auch Pegida zu diesen Zivilgesellschaften. Mahnende Worte vor Selbstüberschätzung gab es auch von Pastor Renke Brahms, Friedensbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche. "Wir sind Besserhoffer, nicht Besserwisser", sagte er. Kirche sei nicht allwissend, solle den Blick auf das richten, was sie schon habe - und dann mit Hoffnung dort weitermachen. Eines dürfte nach dieser Tagung sicher sein: die Frage nach der Orientierung, die die evangelische Kirche Politik und Gesellschaft bieten kann und – sofern sie solche Orientierung überhaupt zu bieten hat – der Form, in der das geschehen kann, ist noch lange nicht beantwortet. Foto: jan
