Lemgo (pro). Die Annehmlichkeiten der gewohnten Umgebung aufzugeben ist etwas, das selten leicht fällt. Insbesondere für ältere Menschen ist es oft eine Überwindung, ihr Zuhause aufzugeben und beispielsweise in eine Senioreneinrichtung zu ziehen. Dass auch innerhalb dieses neuen Wohnsitzes ein weiterer Umzug nicht ausgeschlossen ist, haben die Bewohner des Seniorenheims an der Echternstraße besonders um das letzte Februarwochenende herum erlebt: Ab jetzt leben sie im neu errichteten Quartier an der Rintelner Straße. Den Abschied von den Räumlichkeiten am Wall begingen Bewohner, Verwandte, Freunde und Mitarbeiter am 28. Februar, einen Tag vor dem Umzug der Senioren, mit einem Gottesdienst und Kaffeetrinken am Nachmittag – mitgetragen durch den ökumenischen Altenheim-Besuchsdienst Lemgo.
"Als ich das erfahren habe, waren meine Gefühle zweigeteilt", erzählt Bewohnerin Inge Schröder. "Mir hat es hier seit meinem Einzug im Oktober 2011 immer gut gefallen." Angesprochen auf die Nähe zur Innenstadt ergänzt sie: "Das war richtig klasse – weil ich doch so gern shoppen gehe!", und benennt damit den wesentlichen Kritikpunkt, dass möglicherweise die soziale Anbindung durch die Verlegung des Heims leiden wird. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein, wie der langandauernde moralische, letztendlich nicht erfolgreiche Widerstand unter Bewohnern, Angehörigen und im Kreistag zeigte. Die Betroffenen, neben den Senioren vor allem das Pflegepersonal, hatten dabei kein grundlegendes Mitspracherecht. Vor dem Hintergrund der Entscheidung von oben wurde hier von ihnen in den vergangenen Monaten Großes geleistet, wie sich am Vormittag des 28. Februar im Foyer der Echternstraße 126 zeigt: "Wir haben es geschafft, die Stimmung unter den Bewohnern zu drehen", sagt Dorothea Ruhe (Kreisgeschäftsführung der Seniorenheime). Und tatsächlich singen die Anwesenden im Gottesdienst von Pastor Alexander Märtin, Leiter der evangelischen Volks- und Schriftenmission Lemgo-Lieme, mit hellen Mienen die ausgewählten Lieder. Seine Predigt beschäftigt sich mit dem Auszug Abrahams in das Gelobte Land. Übertragen auf den Auszug der Senioren bekräftigt er: "Wo der Segen Gottes wohnt, ist das Leben", und wünscht so in Zeiten der zum Leben gehörenden Veränderung Beständigkeit im Glauben. "Alle rund 63 Bewohner ziehen mit in die Rintelner Straße. Bis auf einen Platz sind die zusätzlichen neun Plätze bereits vergeben, worüber wir sehr froh sind – zum Beispiel an ein Ehepaar, das sich noch ganz kurzfristig entschieden hat", teilt Dorothea Ruhe mit. "Und vor drei Wochen haben wir mit allen einen Ausflug ins neue Haus organisiert. Auf einer Pinnwand im Foyer haben wir zudem im Vorfeld Zimmerwünsche gesammelt, die auch so umgesetzt werden können." Dennoch war die Verbringung von Möbeln und Bewohnereigentum ein Kraftakt, den man froh ist, bewältigt zu haben – wie auch die Belegschaft einstimmig feststellt. Von ihnen wird der Großteil auch am neuen Standort mit den Bewohnern arbeiten und sie im Alltag begleiten. Von der tatkräftigen Mithilfe des Technischen Hilfswerks zeigt man sich am letzten Wochenende in der alten Arbeitsstätte stark beeindruckt: "Gestern hatten wir hier 25 junge Menschen, und die Woche zuvor auch etwa 20 – das ging ruckzuck, die kamen am Freitagnachmittag an, und zusammen haben wir bis Samstagabends um sieben, acht Uhr gepackt und sind gefahren." Die Aufbruchsstimmung ist an diesem Sonntag zu spüren, geprägt von einem neuen Optimismus, sich nicht ganz auf neues Terrain zu begeben – und die Zimmer der Bewohner stehen mit ihren gewohntem Inhalt als neues Zuhause bereit.
