Oerlinghausen (kd). Wer noch keine 18 Jahre alt ist und nicht im Elternhaus lebt, wird vom Staat betreut. So steht es im Gesetz, das auch für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge gilt. In Oerlinghausen soll die frühere, seit Jahren leer stehende Jugendherberge als Wohnheim genutzt werden. Auf Einladung der Stadt wurden die Pläne bei einer Bürgerveranstaltung vorgestellt. Das Interesse war enorm, die Sorgen auch. Im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses meldeten Bewohner der Kernstadt und andere Oerlinghauser zahlreiche Bedenken und Befürchtungen an. "Die Ängste sind ernst zu nehmen", meinte eine Mutter einer zehnjährigen Tochter. Zwei Stunden lang gingen Vertreter des Kreisjugendamtes und der betreuenden Johanniter Unfall-Hilfe auf alle Fragen ein. Im Laufe des vergangenen Jahres habe der Zustrom an Minderjährigen sehr zugenommen, sagte Magdalena Grawe und Inga Ribbentrup vom Kreisjugendamt Lippe. Trafen anfangs pro Jahr lediglich zwei bis drei Jugendliche ein, so rechnet sie jetzt mit 260. Für sie werden dringend Plätze in eigenen Gemeinschaftsunterkünften gesucht. "Die Jugendlichen haben Erlebnisse gehabt, die wir uns gar nicht vorstellen können", meinte Jochen Nadolski-Voigt, Leiter der Asylunterkunft in der ehemaligen Hellweg-Klinik. "Sie sind aber nicht nur hilfsbedürftig, sie haben auch eine Menge drauf", ergänzte Sylke Henseleit, die pädagogische Leiterin. Das Konzept sieht vor, in der Jugendherberge zwei Wohngruppen mit jeweils zehn Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren einzurichten. Sie sollen sich selbst versorgen und werden von acht pädagogischen Fachkräften betreut, die rund um die Uhr ansprechbar sind. Im ersten Schritt wird die individuelle Situation ermittelt. Dieses "Clearing" kann vier bis sechs Monate dauern, anschließend wird der Bedarf an konkreten Hilfen festgestellt. Der Aufenthalt kann bis zu eineinhalb Jahren betragen. Die Unterbringung in Gastfamilien, wie Ratsmitglied Angelika Lindner anregte, sei erst nach Abschluss des Clearing möglich. "Bereits jetzt haben wir Minderjährige in unserer zentralen Unterkunft", berichtete Nadolski-Voigt. "Sie sind wissbegierig und lernwillig, das sollte gefördert werden." Noch hat die Stadt Oerlinghausen, Eigentümer der ehemaligen Jugendherberge, den Mietvertrag nicht geschlossen. Der Rat wird darüber in der kommenden Woche beraten, wenn feststeht, wie hoch der Renovierungsbedarf ist. Bürgermeister Dirk Becker berichtete, dass das Landesjugendamt das Gebäude grundsätzlich für geeignet hält. Auch wenn die Jugendherberge früher 130 Plätze hatte, sollen nicht mehr als 20 Jugendliche untergebracht werden. Aber selbst diese Anzahl erschien einer Anwohnerin zu hoch. "Ich bin für das Recht auf Asyl, aber man sollte sie nicht geballt dort hinsetzen", meinte die junge Frau und erntete starken Applaus. Von anderen wurden bezweifelt, ob sich die zu erwartenden arabischen Jugendlichen integrieren werden. Eine Polizistin schilderte ihre beruflichen Erfahrungen und meinte: "Es gibt sicher viele tolle junge Menschen, aber auch einige, die nicht so nett sind." Sie könne die Angst bedingt nachvollziehen, sagte Sylke Henseleit. "In meiner täglichen Praxis habe ich aber kein Problem, als Frau respektiert zu werden."Überall, wo viele Menschen zusammenleben, gebe es Konflikte. Dies komme auch in der zentralen Unterkunft vor. "Aber wir schreiten jedes Mal frühzeitig ein, so dass die Konflikte erst gar nicht eskalieren können." Ein Diskussionsteilnehmer warb für mehr Gelassenheit. "Fürchtet euch nicht, es wird schon gut gehen", meinte er. Nadolski-Voigt würde es begrüßen, wenn Oerlinghauser Bürger bereit wären, ehrenamtliche Patenschaften zu übernehmen. "Es geht nur über persönliche Begegnungen. Kontakte sind bei der Integration sehr wichtig", stellte er fest. Denkbar sei auch ein Beirat aus Vereinen, Anwohnern und anderen Interessenten. "Ich kann alle Sorgen nachvollziehen", bekannte Bürgermeister Becker. Er führte das Unbehagen aber darauf zurück, dass Oerlinghausen die einzige lippische Gemeinde ist, die mit Flüchtlingen noch nicht konfrontiert wurde. Hier sei weder schweigen noch übertriebener Pessimismus angebracht. "Wir müssen uns dem stellen", sagte er. "Und die ehemalige Jugendherberge halte ich für eine vertretbare Lösung."
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Eine Lösung für einen Leerstand
Starkes Interesse an der neuen Nutzung der ehemaligen Jugendherberge
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