1. Denn Hass macht hässlich

    Premiere von Richard Strauss´"Elektra" im Landestheater Detmold

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    Detmold (ame). Elektra ist die von Rachefantasien geplagte Tochter des von ihrer Mutter und deren Liebhaber ermordeten Vaters, König Agamemnon. Einzig die Hoffnung auf späte Rache durch ihren Bruder Orest hält Elektra am Leben und lässt sie ausharren, bis er heimkommt, um die Tat auszuführen, die sie sich Tag und Nacht, in wüstester Ausschmückung, vorstellt. Derweil wird sie im Hause ihrer Mutter und deren Liebhaber geduldet und gedemütigt. Ihre Schwester Chrysothemis lebt ebenfalls dort, hängt aber ganz anderen Träumen nach. Sie klagt über die Isolation und wünscht sich einen Mann "und wenns ein Bauer wär`", dem sie Kinder gebären kann, um ihr "Weiberschicksal" erfüllt zu sehen, das anzunehmen sie nur zu bereit ist.

    Christian von Götz zeichnet für Inszenierung, Bühne und Kostüme verantwortlich. Er setzt das Geschehen in die Zeit um 1900, nur wenige Jahre vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Also in eine Zeit, in der das Bürgertum Frieden kennt und lebt. Diese Zeit zu wählen ist ein echter Kunstgriff, denn so werden Parallelen zur Jetztzeit sichtbar, die die Zuschauer das Gruseln lehren. Satt – so wird das Bild der Gesellschaft gezeichnet. Aber eben auch marode und der so sicher geglaubte Lebensstil steht kurz vor seinem Untergang. In diesem Einakter spielt sich alles auf der Rasenfläche vor dem herrschaftlichen Wohnhaus ab, wobei die Szene mit der perfekt gedeckten Tafel mitten auf dem Rasen keinen Bruch darstellt. Ein wenig Fantasie darf man dem Publikum schließlich zumuten. Gerade diese lange Tafel, an der Tochter und Mutter auch optisch weit voneinander entfernt "vereint" sind, wird zum Symbol für Wohlstand und reglementiertes Leben ohne menschliche Wärme. Natürlich kommt hier der Wein auch nicht simpel in der Flasche auf den Tisch... Bis auf eine der Dienerinnen – es sind wohl immer nur Einzelne, die die Fahne der Menschlichkeit und Nächstenliebe hoch halten – lassen die Bediensteten des Hauses ihren persönlichen Frust an dem Mitglied aus, das sowieso schon angeschlagen ist, an Elektra. Ihr Minimum an Macht nutzen sie nur destruktiv. Der gelebte Reichtum – das Haus, die Dienerschaft, Klytämnestras Geschmeide – steht auf Füßen, die den Boden des Unrechts betreten haben. Ein solcher Boden ist immer wackelig und wer darauf geht, ist sich dessen auch bewusst. Klytämnestra wird von Gritt Gnauck sehr differenziert gesungen und in Szene gesetzt. Wie sie so jammert nach dem Schlaf, der sie meidet und über die Träume, die sie quälen, möchte man fast vergessen, dass sie eine Mörderin ist. In ihrer Not sucht sie Hilfe ausgerechnet dort, wo ihr nur Hass entgegen schlägt. Ihre Tochter kennt kein Mitleid. Sabine Hogrefe gelingt es hervorragend, die Verbitterung darzustellen, die von Elektra Besitz ergriffen hat und den Sarkasmus, hinter dem sie sich verschanzt. Als die Nachricht eintrifft, dass Orest gestorben ist, lacht Klytämnestra befreit auf, denn sie fürchtete seine Rache, während Elektra am Boden zerstört ist. Erst versucht sie noch, ihre Schwester zu überreden, die Mutter und deren Liebhaber zu töten. Als diese sich jedoch weigert, fasst Elektra den Entschluss, selbst zur Rächerin ihres Vaters zu werden. Ein Fremder betritt die Bühne, der sich erst nach einer Weile als Orest zu erkennen gibt. Michael Zehe singt mit starker Stimme, warm und sonor. Orest wirkt wie die Inkarnation des Felses in der Brandung und erschrickt, als er erkennt, wie heruntergekommen seine Schwester Elektra aussieht. Elektra stimmt ein Klagelied an – sie habe ihre Schönheit geopfert: "Ich habe alles, was ich war, hingeben müssen. Meine Scham hab´ ich geopfert, die Scham, die süßer als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst, der milchige des Monds, um jedes Weib herum ist und das Grässliche von ihr und ihrer Seele weg hält." Hass macht eben hässlich. Orest gibt zu verstehen, dass er gekommen ist, um den Vater zu rächen. Elektra jubiliert. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Schwester erscheint und die Dienerschaft serviert die Speisen an der langen Tafel. Die alte Lebensform soll Halt geben. Grotesk wirken Szene und Verhalten, längst ist klar, was geschehen ist. Der Mord an der Mutter wurde zuvor auf dieselbe Leinwand projiziert, die auch das Haus zeigt. Das war optisch eine Besonderheit, weil hier die Farbe des Kostüms der Klytämnestra noch einmal in ihrer Symbolik zur Wirkung kam: Ihr Kleid ist aus blutrotem Samt. Diese Leinwand hebt sich nun hinweg und gibt den Blick frei auf das Innere des Hauses und der Zuschauer erkennt ein Gemetzel. Elektra tanzt Freudentänze mit Orest; tanzt später auch allein - selbstvergessen vor Triumph. Hier wirkt die Szene leider unfreiwillig komisch durch Sabine Hogrefes Disco-Groove. Elektra bricht zusammen und stirbt, ihre Schwester ruft nach dem Bruder. Ende. Es wäre müßig zu erwähnen, welche enorme stimmliche Anforderung die Rolle der Elektra stellt, denn das ist bekannt. Knapp zwei Stunden singt Sabine Hogrefe fast durch. Doch der Boden der Bühne war mit Kunstrasen ausgelegt und das machte es für die Sängerinnen und Sänger nicht eben leichter. Die Akustik hält das zwar aus, aber es kann nicht förderlich sein. Sabine Hogrefe und Susanne Serfling brillierten dennoch mit unbändiger Kraft. Der Abend nahm zusehends an Fahrt auf, die Spannung stieg. Wohl dem, der zuvor das Libretto gelesen hatte, denn die Verständlichkeit der Worte war leider eher selten gegeben, was jedoch der Tonhöhe und dem wirklich donnernden Gesang geschuldet ist. Was diese Aufführung so sehenswert macht, sind die Vergleiche, die sich beim Sehen aufdrängen. Wie Folien auf einem Diaprojektor schieben sich Zeitbilder ineinander. Das Heute, welches wir zwangsläufig immer vor unserem inneren Auge tragen, das Gestern und das Vorgestern vermischen sich zu einem zeitlosen Ganzen. Untergangsszenarien sind, ob im Film oder auf der Bühne, vielfach gezeichnet worden. Das wirkliche Grauen entstand jedoch nicht durch das Ende der Geschichte und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, sondern durch die Vorhersehbarkeit und die deckungsgleichen Bilder. Das Orchester unter Lutz Rademacher hatte den wohl schwierigsten Part. Es musste in reduzierter Besetzung Strauss´ Musik in ihrer vollen und oft geradezu rabiat wirkenden Dramatik aufbieten. Als die Musikerinnen und Musiker die Bühne betraten, wurden zu Recht Bravorufe laut. Bravorufe erhielten auch die Solisten. Nicht allein für den großartigen Gesang, sondern auch für die bezwingende Intensität, die ihr Spiel auf der Bühne entfaltete.

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