Detmold (kh). Auftritt von links. Zügig schreitet er zur Mitte der Bühne. Nimmt gelassen Platz und positioniert ohne Getue das Cello. Streicht sich dann – wie noch mehrfach an diesem Abend – mit schlichter Geste die dunklen Locken aus der Stirn. Alles völlig untheatralisch. Was jedoch nichts daran ändert, dass Nicolas Altstaedt schon jetzt, ohne überhaupt einen einzigen Ton gespielt zu haben, die Blicke auf sich zieht. Er indes wendet den Kopf. Zum Flügel. Wo Pianist Alexander Lonquich wartet. Wortlose Verständigung. Mehr braucht es nicht. Und schon gehört die Bühne des Konzerthauses einmal mehr zu Hohem berufenen Künstlern. Erweist sich doch das, was die beiden dem hingebungsvoll lauschenden Auditorium kredenzen, schnell als ein spannungsgeladener musikalischer Dialog. Interpretationskunst de luxe. Spiel, dessen reiche Ausdrucks- und Farbenvielfalt gefangen nimmt.
Hand in Hand geht das. Ton für Ton, Takt für Takt kraftvolle Fülle gepaart mit klanglicher Differenziertheit. Eins greift ins andere. Poetisch, aufbrausend, fordernd. Energetisierend. Mitreißend rauschend. Sanft strömend. Nichts, was beiläufig wäre. Souverän über jedweden musikalischen und technischen Schwierigkeiten stehend, aber nie pedantisch, erzählen die beiden ihre "Geschichte", finden eine gemeinsame Sprache, spielen einander Töne und Motive zu, und schmücken all die sich ergebenen Verästelungen mit Eleganz und lebendiger Leichtigkeit aus. Jenseits jeglicher sterilen Sägemeisterei oder persönlichkeitsarmen Preisträgergeklimperes bewegen sich die Finger scheinbar mühelos über Griffbrett und Tastatur. In Eleganz transformierte Virtuosität Zwei Spätwerke haben die beiden Künstler für den ersten Teil des Programms ausgewählt: Ludwig van Beethovens Sonate für Violoncello und Klavier D-Dur op. 102 Nr. 2 stellen sie die knapp 100 Jahre danach entstandene Sonate für Violoncello und Klavier g-Moll op. 117 von Gabriel Fauré zur Seite. 76 Jahre zählt der französische Komponist als er 1921 seine zweite Cellosonate schreibt und er ist – wie auch Beethoven – fast gänzlich ertaubt. Dem ungeachtet klingt sein Opus 117 über weite Strecken geradezu jugendlich. Voller Kraft und Bewegung. Lange, melancholisch schöne Melodielinien prägen den ersten Satz. Das Andante, voller elegischer Empfindsamkeit, imitiert in seinen schlichten Klavierakkorden einen Trauergesang, über dem das Cello feierlich in punktierten Rhythmen einsetzt. Nicht zu bremsen dann das aufgewühlte Thema des Finales. Mit wirbelnden, drängenden Phrasen endet die Sonate. Exakt austariert im Miteinander und mit filigran gefärbter Tongebung lassen Altstaedt und Lonquich ihre Zuhörer in die jeweiligen atmosphärischen Stimmungen eintauchen: Großer Ton, der nicht über die Stränge schlägt und deswegen fesselt. Atemloses Entzücken aber herrscht, wenn die beiden sich in ein Pianissimo zurückziehen. Nicht anders bei Beethoven. Dessen späte Cellosonaten sind keine leichte Kost. Insbesondere die in Detmold gespielte zweite ist formal gnadenlos und weist kompositorisch weit in die Zukunft. Dass die finale Fuge zum Sperrigsten gehört, was Beethoven je komponiert hat – Altstaedt lässt es vergessen. Sekundiert von einem tiefsinnigen Partner am Flügel, offenbart er mit sicherem Zugriff, was in seinem Instrument steckt: Ausgeglichen sind die Register vom Bass bis in den Diskant, es brummt und knarzt nichts in der Tiefe, schrillt und quietscht nichts in der Höhe, die Linienführung ist leicht und kantabel. Und wenn die beiden Musiker die Sonate auffächern, wenn Cello und Klavier auf Augenhöhe in wundervoll fließender Bewegung dialogisieren, ist das wie eine Vorahnung poetischer romantischer Klangwelten: Schönheit, Esprit, Feinsinn. Rhythmische Strukturen und ruhende Soundflächen, hingeatmete Melodielinien ... bis diese abrupt aufmüpfig pulsierend mit aggressiv-ruppigem Bogenstrich trotziger Strenge und Schroffheit weichen müssen. Exzellentes Duospiel Spätromantik in Reinform erklingt schließlich mit der frühen g-Moll-Sonate op. 19 von Sergej Rachmaninow. Beste Entfaltungsmöglichkeiten für das Cello, obwohl nicht zu überhören ist, dass der Komponist auch den Klavierpart höchst virtuos gestaltet hat – war er doch selbst als prankenfester Tastenakrobat unterwegs. Selbstbewusst und mit entwaffnender Gelassenheit agiert Altstaedt angesichts der Wucht des Klaviers, nutzt mit sicherem Sinn für Technik und Tongebung die gesamte Ausdrucksvielfalt des Cellos, wirbelt und kurvt mit versiertem Strich durch den melodischen und harmonischen Reichtum der Sonate. Harte, kantige Akkorde oder nervöses Tremolo kontrastieren mit warm-flutender Gesanglichkeit. Wie auch bereits im ersten Teil des Abends macht Altstaedt mit diskreter Tongebung und feingeschliffenen Melodienbögen aus dem solistisch häufig kratzbürstigen Cello ein Belcanto-Instrument. Ganz ohne juvenile Extravaganzen lässt er es fingerfertig singen. Mit großem Atem, emotionaler Dichte und der Aura eines Meisters. Zwischen männlich ernst und geschmeidig heiter. Lonquich verdeutlicht derweil eindringlich die eloquenten Linien des Rachmaninowschen Klaviersatzes. Schönstes "Teamwork" ist das, gedankenvoll kreatives Musizieren, das zu einer packenden Symbiose aus Kraft und Empfindung führt. Und genau das ist es, woraus jene berührenden Momente erwachsen, die diesen ganz besonderen Touch der Einmaligkeit haben. Leidenschaft, betörende Schönheit und stille Verführung – geformt aus Mut zum Risiko, aus Anspruch und Können im Dienste des Ausdrucks und einer großer Sorgfalt gegenüber den Werken. So soll Musik sein. Seelenvoll. Schmerzhaft. Schön. Begeisterter Applaus am Schluss. Was sonst ...?
